Rezension: La Roux – Trouble In Paradise (Polydor, 2014)

Das Paradies: Als knapp 21jährige Künstlerin an einem mehrfach mit Platin gekrönten Debütalbum beteiligt sein, das eine britische #1-Single abwirft und mit einem Grammy ausgezeichnet wird. Der Ärger im Paradies: Im Angesicht des unverhofften, plötzlichen Ruhms die Stimme verlieren, nicht mehr wissen, wie weiter. So erging es Elly Jackson nach dem Debüt „La Roux“ (2009). Fünf Jahre später meldet sie sich nun mit „Trouble In Paradise“ zurück.

laroux

Tropen, 14 Uhr: Die Frisur sitzt. Elly Jackson hat die Haare schön und einige neue Hits am Start.

La Roux, das waren anno 2009 Elly Jackson und ihr Studiopartner Ben Langmaid. Dieser hat im Verlaufe der Aufnahmen zum zweiten Album die Band verlassen, so dass La Roux nun als Soloprojekt der Singer/Songwriterin Elly Jackson betrachtet werden kann. Die Trennung scheint nicht ganz freundschaftlich abgelaufen zu sein, wie Aussagen von Jackson zu entnehmen ist. Dennoch wird Langmaid auf sechs der neun neuen Tracks als Co-Autor angeführt, worauf er – trotz all der „kreativen Differenzen“ – stolz ist.

Doch genug der Verbitterungen und Studiozickereien. Was zählt, ist letztlich die Musik – und die kann sich hören lassen.

Eröffnet wird das Album mit der offiziellen Leadsingle „Uptight Downtown“, die mit ihren Gitarrenriffs schon den grössten Unterschied zum Debüt andeutet: die Referenzpunkte scheinen weniger deutlich im Electropop der Achtziger zu liegen, als eher in Nile-Rodgers-artigem Disco-Funk der späten Siebziger. Gemeinsamkeiten zu den Hitsingles des ersten Albums sind auch auszumachen: „Uptight Downtown“ ist eine einzige Sturzflut an eingängigen, euphorischen, ausgangsfertigen Hooks. Die Temperatur steigt…

…und pendelt sich auf dem tropischen Niveau ein, das das Albumcover andeutet. Der zweite Song „Kiss And Not Tell“ glänzt ebenfalls mit funky Gitarrenläufen und unverschämtem, unheilbarem Ohrwurmen. Nach diesem Anfangs-Duo kann der Eindruck entstehen, Euphorie und Überschwang des Debüts würden hier nahtlos wieder aufgenommen, als hätte es die fünf Jahre Pause nie gegeben. Der Eindruck täuscht:

Der knusprige Funk von „Cruel Sexuality“ lebt von einem schweisstreibenden Basslauf, kann das Niveau aber nicht halten: zu pathetisch sind Refrain und Text. „You make me happy in my everyday life / Why must you keep me in prison at night?“: Es scheint als hätte sich die arme Elly wieder einem männlichen Individuuum hoffnungslos ausgeliefert, als sei sie im Treibsand gelandet, den es schon auf Album Nummer Eins gab. Mit „Paradise Is You“ folgt dann erstmals ein langer Track; einer, der als traumhafte Pianoballade beginnt, mit seinem lethargischen Herzschmerz aber nicht über die volle Distanz zu überzeugen vermag.

Danach gibt’s wieder Sex: diesmal nicht in nächtlichem Gefängnis, sondern im Stripclub. Das ungünstig betitelte „Sexotheque“ handelt von einem Mann, der anstatt nach Hause zu gehen lieber all sein Geld in den Stripclub trägt. Man lasse sich von dem befremdenden Titel nicht abschrecken: Der Song ist ein H I T! mit Grossbuchstaben, doppeltem Buchstabenabstand und Ausrufezeichen, jawoll!

„Tropical Chancer“ kommt mit Reggae-Vibes, tonnenschwerem Bass und penetrantem Refrain daher. Ein tropisches Zwischenspiel, das nicht vollkommen überzeugt. Umso mehr tun dies die folgenden beiden Songs, die ambitioniertesten des ganzen Albums. Zwei Songs, auf denen Jackson und Produzent Ian Sherwin das ganze Potenzial ausschöpfen, das in ihnen steckt:

Das siebenminütige „Silent Partner“ stützt sich einmal mehr auf einen massiven Basslauf, über den Elly ihre wütenden Verse legt. „You’re not my partner, no, you’re not a part of me, I need silence“: Es ist einer der Songs, die Jackson bereits ohne Langmaids Hilfe geschrieben hat – ist es gar der ehemalige Bandpartner, der hier sein Fett wegkriegt? Im Verlaufe der sieben Minuten baut sich „Silent Partner“ zum astreinen Rave auf, kraftvoll, aggressiv.

Der folgende Song, „Let Me Down Gently“, wurde als Promosingle bereits Ende Mai veröffentlicht. Hier zeigt sich Jackson von ihrer verletzlichen Seite, lässt ihr Selbstvertrauen und ihre Abwehrmechanismen beiseite. Mit seinem schleichenden Aufbau, der stetigen Steigerung bis hin zum furiosen Finale – das ist die vollendete Kunst der Popmusik!

Turn me into someone good
That’s what I really need
Tel me that I’m someone good
So we’re not so far apart, apart
I hope it doesn’t seem like I’m young, foolish and green
Let me in for a minute
You’re not my life but I want you in it

Abgeschlossen wird „Trouble In Paradise“ mit „The Feeling“, einem Song, der mit seinen sphärischen Synthesizerklängen und dem nervösen Gesang einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt.

Insgesamt wechseln sich Licht und Schatten auf dem Album ziemlich regelmässig ab, wobei aber die Lichter heller leuchten als die Schatten dunkel sind (War das nicht schön gesagt?). „Trouble In Paradise“ bietet einerseits auf den Punkt gebrachte Electropop-Hits wie schon das Debüt, weist Elly Jackson andererseits aber auch als gereifte Songwriterin aus, die einen Song über fünf, sechs, sieben Minuten spannend halten kann. Da hört man gerne über die paar mittelmässigen Songs weg und geniesst die Highlights umso mehr!

Das ganze Album via Spotify hören:

Advertisements

3 Antworten zu “Rezension: La Roux – Trouble In Paradise (Polydor, 2014)

  1. Pingback: Rezension: Music Go Music – Impressions (2014) | WAVEBUZZ·

  2. Pingback: WAVEBUZZ TOP-15 ALBEN 2014 – #05: La Roux – Trouble In Paradise | WAVEBUZZ·

Kommentiere Bitte!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s