Rezension: Arcade Fire – Reflektor (Merge, 2013).

Der inflationär beworbene Nachfolger des Grammy-Gewinneralbums ‚The Suburbs‘ (2010) ist da. Ein Doppelalbum ist es geworden und dies obschon es gerade mal eine Minute und vierzehn Sekunden länger ist als das Fassungsvermögen von nur einer CD. Gnadenlos unökonomisch. Doch kann es mit der Grandezza seiner Vorgängerwerke mithalten, dieses vierte Album der Kanadier?

 arcadefireDie Promotionskampagne für dieses Album war ermüdend – bestimmt für alle Beteiligten. Als Konsument war ich dieses Albums beinahe schon überdrüssig, bevor ich überhaupt eine Sekunde Musik daraus gehört hatte. Dann der Umschwung: Anfang September veröffentlichte die Band den Titeltrack „Reflektor“, entstanden unter Mithilfe von James Murphy (Produktion) und David Bowie (Gastsänger). „Reflektor“, der erste Song auf dem Album, ist eine hypnotische Hymne mit blubberndem Bass, Tribalrhythmen und einem genialen Gesangsarrangement. Die Vorfreude war wieder da – vielleicht würde es ein grandioses Album werden, vielleicht gar das Album des Jahres. Ende Oktober schliesslich konnte man es in voller Länge hören, begleitet von Marcel Camus‘ 1959er-Film „Black Orpheus“ auch sehen.

Heute haben wir den sechsten November und etwas ist klar geworden: „Reflektor“ ist das – nur zu, steinigt mich, Gegner des Superlativs! – schlechteste Arcade-Fire-Album bisher. Warum?

In erster Linie weil es so scheint, als hätte man keine Selektion betrieben, als hätte man einfach alles zur Verfügung stehende Material genommen und auf die zwei CDs gepresst. Denken wir zehn Jahre zurück: „Funeral“, das Debüt, achtundvierzig glorreiche Popminuten, abwechslungsreich und doch als Ganzes einheitlich, wohlgeformt. Nun, ich hätte Arcade Fire auch fünfundsiebzig Minuten schwachstellenlose Grossartigkeit zugetraut – doch dem ist nicht so.

Schon der dritte Song „Flashbulb Eyes“ zeigt, wo die Schwächen liegen. Ein rumpelnder Beat, piepende zischende blubbernde Outer-Space-Klangeffekte, synthetische Streicher, irgendwo diffus darunter die Stimme, die fordert ‚Hit me with your flashbulb eyes, you know I got nothing to hide!“ – es will so gar nichts zusammenpassen, ist blosses Stückwerk, eine Ansammlung von Ideen ohne roten Faden. An diesem Syndrom leiden auch andere Songs auf dem Album.

Dennoch gilt es die Perlen hervorzuheben: „Here Comes The Night Time“ ist ein melodisches Schmankerl, fantasievoll (i.e. Ansammlungen von Ideen, die auch zusammenpassen), zuckersüss und melancholisch zugleich, dramaturgisch durchdacht (inkl. „Crown Of Love“-artigem Tempowechsel).

Das rock’n’rollige „You Already Know“ ist ein beschwingtes, ungewohnt fröhliches Stück. Die Tanzbeine dieser Welt dürfen sich austoben. Gleich im Anschluss: Das an den Glamrock der Siebziger gemahnende „Joan Of Arc“ , das Classic-Rock-Fans und Freunde des typischen Arcade-Fire-Festivalhymnen-Songtyps gleichermassen begeistern wird. So finden sich immer wieder Songs auf höchstem Niveau, auch „Afterlife“ und das traumhaft schöne „Awful Sound (Oh Eurydice)“ ab der zweiten CD gehören dazu. Dazwischen aber – und hier liegt der Haken – tummeln sich etliche halbfertige, überladene Ideenhaufen-Songs, die den hohen Arcade-Fire-Standards nicht standzuhalten vermögen.

Hätte man Dinge wie zum Beispiel das nichtssagende elfminütige Klangbild „Supersymmetry“ oder das geradezu verstörend chaotische „It’s Never Over (Oh Orpheus)“ weggelassen, es wäre ein grandioses Album geworden, vierzig oder fünfzig Minuten lang, das sich locker mit seinen Vorgängern hätte messen können. So aber bleiben nicht nur bezaubernde Melodien, raffinierte Produktionsdetails und packende Rhythmen hängen, nein es bleibt auch der etwas fade Nachgeschmack der zweitklassigen Songs, die das Geschehen immer wieder stören. Schade.

Nichtsdestotrotz darf gesagt werden, dass den Kanadiern auch für ihren vierten Streich wieder diverse grandiose Songs gelungen sind, die sowohl aus Boxen und Kopfhörern wie auch live noch viel Freude bereiten werden.  Wertung: 6.5 / 10.

Hier kann man das ganze Album hören:

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Bildquelle: http://www.arcadefire.com (Abgerufen 06.11.2013).

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