Rezension: Kosheen – Solitude (2013, Membran)

Die ewigen Stiefkinder der Trip-Hop-Szene aus Bristol bringen dieser Tage ihr fünftes Album auf den Markt. Anstatt in Richtung Dancefloor steuert ‚Solitude‘ mit atmosphärischen Klängen entspannteren Gefilden zu – nicht immer mit Erfolg. 

kosheen

„Being alone without being lonely“: So beschreibt Bandmitglied Markee Substance den titelgebenden Zustand – Solitude – und meint dies positiv. Es sei ein konstruktiver, kreativer Zustand, in dem man sich selbst mit der nötigen Gesellschaft versorge. Isoliert entstanden auch grosse Teile dieses Albums: Die drei Musiker – Substance, Darren Decoder und Sängerin Sian Evans – schicken sich Ideen, basteln zuhause an Beats, Melodien und Gesang, treffen sich später im Studio, to work the magic, wie man so schön sagt.

Und wie magisch ist das Endprodukt tatsächlich ausgefallen? Statt eines kolossalen Dumbledore’n’Bass-Manifests sehen wir uns eher einem Neville Longbottom des Post-Trip-Hops gegenüber, um eine durchaus holprige Harry-Potter-Referenz anzubringen. Viel fades Füllmaterial durchzieht das Album – es sind monotone psychedelische Trips, mal vollständig instrumental mal mit Gesang, wie „Here & Now“, „And Another“ und „I“; Trips, die eher bewusstseinsverengt daherkommen, denen es nicht gelingt die Stimmung gefühlloser Industrial-Kälte in etwas Grossartiges zu verwandeln.

Viel fades Füllmaterial also. Aber nicht zu viel. Denn Kosheen sind nach wie vor ein Trio, das in der Lage ist, packende Beats zu produzieren und verschroben-geniale Melodien aus dem Ärmel bzw. kristallklar aus dem Mund von Sian Evans zu schütteln. Beweise? Bitteschön: Die erste Singleauskopplung „Harder They Fall“, der grosse Pop-Moment der Platte, glänzt mit einer überzeugenden Mischung aus treibenden Beats, diversen markanten Synth-Klängen und einer grandiosen Sian Evans.

Ebenso gelungen ist das paranoide „Observation“, getragen von typischen überdrehten Hi-Hat-Patterns, veredelt wiederum von einer ungewöhnlichen Gesangsmelodie und clever eingesetzten Soundeffekten. Und schliesslich sei als Gegenstück zu den oben genannten Tiefpunkten „Divided“ erwähnt, ein Track, auf dem vorbildlich die Stimmung industrieller Kälte zum Tragen kommt. Da fröstelt es einen selbst wenn die Heizung auf Stufe Sechs Höchstleistungen erbringt. Es sind die eisigen Schauer eines fast beängstigenden Gedankens, die hier mitspielen: Des Gedankens an das, was dieser Band alles möglich wäre. Mit einem wieder stärker song-orientierten Approach und einem gezielten Wegkürzen überflüssigen Klangs – kurzum: mit der Besinnung auf alte Stärken – könnten diese drei begnadeten Musiker auch heute ein Meisterwerk hervorbringen.

Ich werde mir auf jeden Fall auch Album #6, so es denn eines geben wird, wieder zu Gemüte führen. In der Hoffnung, dass es eben dieses Meisterwerk sein wird.

Das ganze Album „Solitude“ hier anhören:

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