Rezension: Beck – Morning Phase (2014)

San Francisco, 1971: ein bleicher hagerer Europäer mit langem gewelltem Haar, auf dem Kopf ein Schlapphut, um die schmalen Schultern ein handgestrickter Pullover, steht am Strassenrand, zupft auf seiner Gitarre und singt melancholische Weisen, die vom Bay-Area-Wind verweht werden. Sein Name: Beck Hansen. Sein Album: „Morning Phase“. Der Fehler: Es ist 2014 und nicht 1971. Aber was uns da auf Becks zwölftem Studioalbum entgegenbläst ist eindeutig die milde Brise des 70er-Westcoast-Rocks, Paul Simon, CSNY und so weiter.

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Der Albumtitel „Morning Phase“ steht programmatisch für die Arbeitsweise des Musikers Beck: Er ist ein Mann der Phasen. Lange verweilen ist seine Sache nicht. Nun ist er wieder (vgl. „Sea Change“, 2002) bei den kalifornischen Post-Summer-of-Love-Vibes angekommen. Langgezogene Melodien, verwaschene Akkordfolgen, einlullende Texturen – Stimmungsmusik, Atmosphärenklang – das ist es, was der neue Songzyklus „Morning Phase“ bietet.

Zuletzt hatte der wandelbare Künstler 2012 Musik veröffentlicht, allerdings nicht selbst gespielte, sondern den „Song Reader“, ein Set von sheet music, also Noten, die man selbst interpretieren musste. Sein letztes Studioalbum „Modern Guilt“ liegt mittlerweile sechs Jahre zurück. Und nun ist er, nach mageren Jahren, in souveräner alter Form zurück. „Morning Phase“ ist die Rückkehr zum Lonesome-Hobo-Gefühl des Trennungsalbums „Sea Change“. Damals war das ein radikaler Stimmungswechsel: von „Hot like a cheetah / neon mamacita“ (aus „Hollywood Freaks“, 1999) zu „These days I hardly get by / I don’t even try“ (aus „The Golden Age“, 2002). Und heute? Wenn er die Leadsingle „Blue Moon“ eröffnet mit „I’m so tired of being alone“, so ist da wieder der Schmerz, diese Angst vor dem Alleinegelassenwerden, diese Niedergeschlagenheit – und dies alles gebettet in die musikalischen Texturen eines nochmal zwölf Jahre erfahreneren, ausgefuchsteren Beck.

Highlights neben „Blue Moon“ sind „Morning“, „Heart Is A Drum“, das kleine Popwunder „Unforgiven“, die zweite Single „Waking Light“: alles Songs, die an die Siebziger gemahnen, an den flauschigen Westküstenfolk, alles auch Songs, die mit ihren schmeichelhaften Harmonien auch Fans von The Shins und Konsorten ansprechen werden.

Und zum Schluss, in der letzten Zeile von „Waking Light“, das das Album beschliesst, ist da auch Zuversicht zu vernehmen. „When the morning comes to meet you / open your eyes with waking light“: der wichtige Schuss Hoffnung in diesem melancholisch-bitteren Trunk, den Beck Hansen mit „Morning Phase“ gemischt hat. „Waking Light“ ist das furiose Finale eines grossartigen Albums, das den Altmeister (immerhin seit über zwanzig Jahren im Geschäft) zu grosser Form zurückkehren sieht.


Angekündigte Konzerte von Beck sind mittlerweile nur von den amerikanischen Festivals Coachella, Edgefest und Pitchfork bekannt.

Das ganze Album via Spotify anhören:

… und wer trotzdem lieber San Francisco 1971 als Beck hat, der sei auf diese Bilderstrecke verwiesen

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