Rezension: Eugene McGuinness – Chroma (Domino, 2014)

Der Londoner Singer/Songwriter Eugene McGuinness legt mit „Chroma“ sein viertes Studioalbum vor. Die Erwartungen sind hoch: Das letzte Werk „The Invitation to the Voyage“ (2012) war ein Meisterstück eklektischer Soundcollage, grosser Melodien und abenteuerlicher Lyrik. Kann „Chroma“ da mithalten?

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Ein Blick zurück: Erstmals erreichte der 1985 geborene Londoner irischer Abstammung 2007 ein breiteres Publikum. Die kurze, vor Ideen und Energie überbordende Single „Monsters Under The Bed“ – eine Tirade gegen die Informationsflut unserer Zeit – machte ihn bekannt. Es folgten zwei Studioalben, „Eugene McGuinness“ (2008) und „Glue“ (2009), das unter dem Moniker Eugene & the Lizards erschien: Gelungene, wenn auch bisweilen etwas chaotische Werke, von einem ambitionierten Songwriter, Sänger und Texter im Entwicklungsstadium verfasst und eingespielt. Es folgten Jahre ohne Veröffentlichung. McGuinness arbeitete als Sessions- und Tourmusiker für Miles Kane, schrieb gleichzeitig an neuen Songs; Songs, die 2012 unter dem Titel „The Invitation to the Voyage“ veröffentlicht wurden. Der NME schrieb: „If he carries on like this, he’ll be MASSIVE“, der Musikexpress titelte „The Shape Of Pop To Come“Da war es einem gelungen, die Palette der Popmusik so gekonnt zu bedienen, dass aus all den altbekannten Elementen ein ganz neuer Sound geboren wurde – und sein Erschaffer als neues Wunderkind des Pop gepriesen wurde.

Zwei Jahre danach: Hat jemand ‚eklektisch‘ gesagt? Genau. Der Opener (und zugleich die Leadsingle) des neuen Albums, „Godiva“, basiert auf einem so ähnlich auch schon zwei- oder dreimal gehörten Gitarrenriff. Der Griff in die Beatleskiste also. Ein Klassiker. Mit dem Song reiht sich McGuinness nicht nur in eine  Traditionslinie des britischen Pop ein, sondern zitiert auch alten britischen Legendenstoff. Dabei bleibt es jedoch: McGuinness ist kein neuer britischer Folk-Troubadour, der die mystischen Wesen und Heiligen seines Landes in Geschichten auferstehen lässt. Seine Tätigkeit als Verwalter des Erbguts beschränkt sich zumeist auf die popkulturellen Gefilde des zwanzigsten Jahrhunderts.

Auf die rockigen Songs „Godiva“ und „Amazing Grace“ folgt eine kleine Pop-Perle mit dem lustigen Titel „I Drink Your Milkshake“(ein Zitat aus dem Film „There Will Be Blood“) : zweieinhalb entspannte Minuten mit sanftem Groove und zuckersüssem Bubblegum-Refrain. Überhaupt scheint McGuinness ganz vernarrt zu sein in prägnante Midtempo-Rhythmen. Und in den Klang der Cowbell, die in besagten Rhythmen hie und da eine prominente Rolle spielt („Immortals“). Die Songs ziehen vorbei, kurz und hektisch, wie man das kennt: Eugene ist ein Meister der Miniatur; sieben der elf Songs auf „Chroma“ haben eine Spieldauer von weniger als drei Minuten. Ein Song hebt sich in dieser Hinsicht ab: „All In All“, eine fünfminütige Ballade mit hymnischen Qualitäten, in bester Seventies-Softrock-Manier dargeboten.

Diesem Meer der Ruhe folgt der kräftigste der kurzen Songs: „Black Stang“, aggressiv, überbordend, mit einem Punk-Vibe; ein Song, der es mit den beiden unzähmbaren Energiebündeln des letzten Albums („Lion“ & „Shotgun“) aufnehmen kann. „Heart of Chrome“ schlägt ebenfalls in die rockige Bresche und weist McGuinness einmal mehr als Freund der subtilen Ironie aus

Es folgt das atmosphärische Outro „Fairlight“ – ein leichter psychedelischer Abschiedshauch. Nach dem ersten Hören ist klar: ein starkes Album, ein fokussierteres Album als „The Invitation to the Voyage“, aber auch eines ohne dessen sofort einschlagende Hitsongs. „Chroma“ lässt sich – musikalisch und insbesondere textlich – erst nach mehreren Durchgängen erschliessen. Sich diese Zeit zu nehmen ist allerdings lohnenswert.

Angesprochen auf einen Vergleich mit dem Vorgängeralbum, wird McGuinness wie folgt zitiert:

„I put a lot of thought into my last record. It’s a complete audio omelette of influences – it’s everywhere. The omelette would have Lego in it and bits of metal. I deliberately put zero thought into Chroma.“

Ein ungeplantes, spontanes Album also. Mit de Hilfe des erfahrenen Produzenten Dan Carey (Hot Chip, Franz Ferdinand, Oh Land) und der Rhythmussektion von The Invisible, die sich für die oben genannten markanten Grooves verantwortlich zeichnet, wurde ein ausgewogenes, detailverliebtes Werk daraus. Es kommt nicht ganz so mitreissend daher wie der Vorgänger, stellt dafür einen selbstischeren, gereiften McGuinness vor, dessen unerschöpflichen Songwriting-Ideen und -Referenzen nach wie vor für abwechslungsreiches Hörvergnügen sorgen.

Das ganze Album auf Spotify hören:

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