Rezension: Philip Selway – Weatherhouse (Bella Union, 2014)

Der Drummer der Kult-Band Radiohead Philip Selway bringt mit „Weatherhouse“ sein zweites Solo-Album via Bella Union Records heraus. Er liefert sich somit indirekt ein Duell mit Radiohead-Sänger Thom Yorke, der gerade letzte Woche ebenfalls ein Album namens „Tomorrow´s Modern Boxes“ veröffentlicht hat (wir haben darüber berichtet). Wogegen Yorke´s Album eher oft als sperrig und unzugänglich angesehen wird, ist Philip Selway´s Werk eine angenehme, unangestrengte Überraschung.

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Philip Selway ist nicht völlig solo am Start: Er besitzt eine unterstützende Band, welche (mit ihm) 3 Mitglieder fasst. Der Gesang ist so flauschig und geschmeidig, dass einem manchmal die Angst befallen könnte, die Musik erscheint etwas zu weichgespült. Da unser Weichspüler gerade neben der Melancholie in unserer Waschküche steht, verwechseln wir die mal gerne!

WEICHSPÜLER ODER MELANCHOLIE? DAS IST HIER DIE FRAGE
Harmonietechnisch gibt es Songs, die an frühe Radiostücke erinnern: „Ghosts“ mit seinen sentimentalen Gitarrenläufen und der unterschwelligen Dramatik könnte glatt eine B-Side von „OK Computer“ sein. Oftmals wenn ein Mitglied einer berühmten Band ein Soloalbum herausbringt (spezielle wenn es nicht der Lead-Sänger ist), wird das Album sehr kritisch betrachtet und mit den vorhandenen Alben der Band verglichen. Klingt also „Weatherhouse“ wie „Amnesiac“ oder wie „The King Of Limbs“ oder wie „The Bends“? Weder noch noch. Die einzigen Parallelen wären, wenn, dann – wie erwähnt – zu „OK Computer“ zu ziehen. Jedoch schlägt Selway ein viel geradelinigeren Ton an, als Radiohead. Bei Selway geht es in poetischer, fast romantisch motivierter Weise immer um Sehnsucht und um Liebe. Die Liebe ist hier eine unerfüllte Ferne, quasi der „Weltschmerz“ der romantischen Literatur (wo wir wieder beim Weichspülerproblem angekommen wären). Der feine Grat zwischen verletzlich und überempfindlich bildet eine verschwommene Linie. „Coming Up For Air“ und „It Will End In Tears“ sind zwei solche Extreme: Wo „Coming Up For Air“ epischen, von schattigen Klängen durchdrungenen Charakter besitzt, ruft die zweite Single „It Will End In Tears“ eher Softie-Gefühle hervor. Aber keine Angst, beide Songs sind anhörbar und es wird nicht in Tränen enden und nach Luft schnappen muss man auch nicht.

„we can spend our lifetime in a weatherhouse“

ÜBER SONNENFRAUEN UND WETTERPROGNOSEN
In „Around Again“ findet man elaborierte Taktstrukturen und dieses zweite Stück des Albums ist auch gleichzeitig eines unserer Favoriten. „Let It Go“, „Don´t Go Now“ und „Drawn To The Light“ sind prasserische Herbst-Tracks voller hysterisch-linden Gefühlsregungen. Und wir müssen gestehen, dass wir sowohl den Herbst als auch Hysteria lieben. (Doch das ist eine andere Geschichte.) Der Albumtitel „Weatherhouse“ ist übrigens kein poetisches Fantasiewort, wie man vielleicht meinen könnte. Das „Weatherhouse“ oder auf Deutsch der „Hygrometer“ ist eine Art altes Thermometer. Da wurde anhand der Luftfeuchtigkeit das Wetter vorausgesagt (je nach Wettervorausschau war die „Sonnenfrau“ oder der „Regenmann“ vorne). Auf dem Albumcover ist in abstrakter Form ein solches Hygrometer abgebildet. Und da wir gerade über das Wetter sprechen und ein wenig Small Talk betreiben – wollt ihr etwas wissen? Unsere Wetterprognose für „Weatherhouse“ ist durchaus sonnig, wir sind drawn to the light.

KEEP BUZZIN

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