Rezension: Imagine Dragons – Smoke + Mirrors (Interscope / KIDinaKORNER, 2015)

Der schönste Imperativ der Popwelt ist zurück: „Imagine Dragons“. Mit ihrem zweiten, grösstenteils in Eigenregie geschriebenen und produzierten Album macht sich die Band auf, ihren Platz auf dem Olymp der Popmusik zu sichern. „Smoke + Mirrors“ ist ein wahres Schlaraffenland potenzieller Hits.

Smoke_and_Mirrors_album_cover

Entfesselt: Imagine Dragons entfliehen Genregrenzen, fliegen auf in Richtung Pophimmel.

 

Truman Capote sagte einmal, ein Schriftsteller müsse seine Geschichte mit jeder Faser seines Körpers gespürt haben, während er sie aufschreibt aber eine kaltblütige Distanz zu seinem Material wahren können. Auf die Popmusik angewandt: Eine Band muss ihre Songs gespürt haben, im Studio aber eine kaltblütige Distanz zu ihnen wahren können. Auf „Smoke + Mirrors“ scheint dem Quartett aus Las Vegas genau dies gelungen zu sein. Ihr grösstenteils selbstproduziertes zweites Album – Unterstützung erhielten sie für einige Songs vom renommierten Produzenten Alex Grant a.k.a. Alex Da Kid – ist eine Ansammlung von geradezu unverschämt gut inszenierten Popsongs mit Hochglanzpolitur, denen man die Authentizität der Emotionen und die ausserordentliche Qualität des Songwritings aber keinesfalls absprechen will.

„Shots“ – Opener, Highlight, Prototyp des perfekten Popsongs. Lebhafte, pulsierende Rhythmen, U2-artig perlende Gitarren, glitzernde Keyboards (Vegas, Baby! Wer waren nochmal diese Killers?), gigantische Melodien und die biegsame Stimme von Dan Reynolds, der sich auf „Smoke + Mirrors“ als wirklich brillanter Popsänger beweist, sorgen für Höhepunkte am Laufmeter. Eine Single, ein vorprogrammierter Hit.

„Gold“, der zweite Song, schliesst an das Erfolgsrezept von Titeln wie „Radioactive“ ab dem ersten Album an. Ein Song, der die Gefahren unerwarteten Erfolgs thematisiert, und – paradoxer- oder eben gerade logischerweise – wohl auch selbst wieder zu Gold werden wird.

Das Album überbordet nur so vor potenziellen Hits, wird aber bei aller Mainstream-Affinität niemals eintönig. Das Spektrum, das die Band auf gleichmässig hohem Niveau abzudecken imstande ist, ist bemerkenswert. Melancholische Vergänglichkeitshymnen („Smoke And Mirrors“), deftigen, rifflastigen Stonerrock („I’m So Sorry“), brachial gen Himmel geschriene Gebete im Stile von Mumford & Sons („I Bet My Life“) oder eindringliche Pianoballaden („Dream“) inszeniert die Band auf bestechend sichere Art und Weise.

Und selbst die wenigen Songs, denen man die Authentizität eher absprechen möchte, fallen kaum ab. „Polaroid“ etwa, das textlich unbeholfen und melodisch von Lordes „Royals“, nun ja, sagen wir: hörbar inspiriert ist, ist derart eingängig, dass seinem Charme nur schwer zu widerstehen ist.

Es wird bestimmt auch negative Kritiken geben. Selbsternannte Gralshüter künstlerischer Seriosität werden beim ersten Tropfen Hochglanzpolitur erzürnt aufspringen und den Untergang des Abendlandes beklagen, getreu ihrem Motto: Was eingängig ist, ist schlecht. Sie werden wieder falsch liegen. Nach dem grossartigen Debüt „Night Visions“ (2012) ist Imagine Dragons mit dem Nachfolger „Smoke + Mirrors“ noch einmal ein Schritt nach vorne gelungen. Mit diesen Melodien, diesen Rhythmen und diesem Glamour hat die Band sich selbst den roten Teppich zum Pop-Königtum ausgerollt. „Smoke + Mirrors“ ist ein auf ganzer Linie überzeugendes Set von dramaturgisch durchdachten und perfekt in Szene gesetzten kleinen Pop-Meisterstücken.

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Eine Antwort zu “Rezension: Imagine Dragons – Smoke + Mirrors (Interscope / KIDinaKORNER, 2015)

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