Konzertbericht: Godspeed You! Black Emperor (25.04.2018, Salzhaus Winterthur)

Am 25. April spielten die kanadischen Post-Rock-Legenden Godspeed You! Black Emperor im Winterthurer Salzhaus. Die Besucher erwartete ein musikalisches Crescendo im Spannungsfeld zwischen Hoffnung, Revolution – und Angst.

H-O-P-E. Wie ein Mantra flimmern die vier Buchstaben über die Leinwand auf der Bühne des Salzhauses, während die Streicher das Konzertintro Hope Drone anstimmen. Hoffnung, so suggerieren es die ersten rund 20 Minuten des Post-Rock-Spektakels, lautet das Leitmotiv des Abends. Doch die Zuschauer sollten eines Besseren belehrt werden.

Denn die Songs, die Godspeed You! Black Emperor an diesem lauen Frühlingsabend zum Besten geben, sind keine leichte Kost. In genretypischer Manier verzichten sie gänzlich auf Gesang und fordern mit einer Tracklänge von zumeist über zehn Minuten die volle Aufmerksamkeit ihrer Zuhörer. Und darauf muss man sich einlassen: Wie bei einer Zugfahrt steigt man entweder ganz ein – oder gar nicht.

Und spätestens seit Friedrich Dürrenmatt seinen Protagonisten in der Kurzgeschichte Der Tunnel auf seiner Zugfahrt in die unendliche Dunkelheit rasen liess, wissen wir, dass Zugreisen nicht nur Allegorien des hoffnungsvollen Neuanfangs sind, sondern auch der Katastrophe, der Beklemmung.

Die Konzertbesucher lassen sich auf diese Reise ein. Nur selten schnellt ein Arm in die Luft, um die Eindrücke des Konzerts mit dem Smartphone festzuhalten, laute Gespräche im Konzertsaal werden mit einem kollektiven Shhhh zum Schweigen gebracht.

Aufruf zur Revolution

Das erste Drittel des Konzertabends füllen GY!BE (bis auf den dritten Track Mohnheim) mit Songs ihres jüngsten Studioalbums Luciferian Towers, das am 22. September 2017 veröffentlicht wurde. Mit Titeln wie Bosses Hang oder Fam/Famine rufen die kanadischen Post-Rocker zur Revolution auf. Diese politische Dimension dürfte im Publikum wohl niemanden stören. Denn die Band, deren EP Slow Riot for New Zerø Kanada eine Anleitung zum Molotow-Cocktail-Bauen ziert, war (für das Genre unüblicherweise) schon immer politisch.

Neu sind an Luciferian Towers vielmehr die für GY!BE ungewöhnlich melodiösen Harmonien; das Album gilt, wie das Musikmagazins Pitchfork schreibt, als „the band’s most melodic and powerfully positive-sounding album to date.“ Unterstützt werden sie dabei im Winterthurer Salzhaus ungefähr in der Mitte des Konzerts von der dänischen Free-Jazz-Saxophonistin Mette Rasmussen.

Das Revolutionäre transportieren die neuen, optimistisch angehauchten GY!BE-Songs also weniger über einen verlorenen Glauben an den Status quo, sondern als positive, expressionistische Kraft, die Welt zu verändern. Das initiale Hoffnungsversprechen scheint erfüllt.

Und genau daran könnten sich alteingesessene Fans, die die Band für ihre düsteren, schwerfälligen und introvertierten Stücke schätzen, stören. Umso erfreulicher muss es für sie sein, dass das letzte Drittel des Konzerts von „Klassikern“ dominiert wird.

Das grosse Nichts?

Die letzten drei Songs des Abends, Dead Metheny, The Sad Mafioso, und String Loop Manufactured During Downpour, stammen allesamt vom Debütalbum F♯A♯∞ aus 1997, das weniger mit revolutionärem Optimismus, sondern vielmehr mit einer postapokalyptischen Grundstimmung überzeugt. Mit voller Wucht nimmt die Post-Rock-Gruppe nun endgültig den ganzen Raum ein. Auch die Visuals – schwarz-weiss Bilder, die collagenartig über die Leinwand gleiten – kommen mit dem stilistischen Bruch richtig zur Geltung. Der Dürrenmatt’sche Zug rattert auf seinen Untergang zu.

Das Heilsversprechen „Hope“ wird insbesondere während des letzten Tracks Loop Manufactured During Downpour von einem neuen Mantra abgelöst: Ganz im Sinne einer Loop klingt der Song mit einer zirkulären Wiederholung der Töne F# und A# (also Fis/Ais) – in Anlehnung an den Albumtitel – aus. Einige Konzertbesucher verlassen bereits den Saal, andere harren bis zum Schluss aus, bis der letzte Ton des Abends erklingt. Was wohl bei vielen bleibt, ist ein beklemmendes Gefühl.

So lösen Godspeed You! Black Emperor mit beängstigender Geschwindigkeit die revolutionäre Hoffnung zum Konzertende in einem postapokalyptischen Nihilismus auf. Wie der pflichtbewusste Zugführer in Dürrenmatts Der Tunnel könnte man sich dabei fragen: „Was sollen wir tun?“ Und wie der Protagonist, der sich hoffnungslos mit dem Zugunglück abfindet, antworten: „Nichts. Gott [oder Godspeed?] liess uns fallen und so stürzen wir denn auf ihn zu.“

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