Rezension: alt-J – This Is All Yours (Infectious, 2014)

„This Is All Yours“, ganz in diesem Sinne haben alt-J ihr Album zunächst auf einer eigens kreierten App mit GPS-Funktion veröffentlicht. Man will ja so „now“ und am Puls der Zeit sein. Dem nicht genug, hat die britische neuerdings dreiköpfige Band ihr Album nun auch noch vorzeitig auf Spotify (hier klicken) zugänglich gemacht. Wir haben es uns angehört und – paradoxerweise – ist uns eine fantastische Welle durch die Ohren gerauscht. 

Ein Kind gemalt? Das Albumcover von alt-J´s zweitem Album "This Is All Yours". Alles das... für... uns? Och, danke.

Von einem Kind gemalt? Das Albumcover von alt-J´s zweitem Album „This Is All Yours“. Alles das… für… uns? Och, danke.

TRACK BY TRACK, EINE REISE NACH NARA UND ZURÜCK
Das „Intro“ ist ein einziger Sturmwind aus Rhythmus: Schichten von Vokal-Einspielungen und orientalisch-angehauchte Klänge wechseln sich überlappend ab. Atypisch für ein Intro besitzt es eine durchschnittliche Songlänge von insgesamt 4 Minuten und 38 Sekunden. Indirekt wird eine Saugbewegung erzeugt (ja, eine Saugbewegung!), welche den Hörer irgendwo hin zieht und ihn ankommen lässt. Wo kommt man hier genau an? In „Nara“. Doch, was ist Nara genau? Ist es eine Fantasie-generierte Welt, wie es etwas Albion bei den Babyshambles und Ochrasy bei Mando Diao war? Gibt man den Begriff „Nara“ bei unserem besseren Gehirn Google ein, findet man unter anderem eine Stadt, welche sich in Japan befindet . (Und Nara war sogar – Achtung, Unnützes Wissen – einmal die Hauptstadt Japans.)


Auf „Arrival In Nara“ folgt „Nara“, ohne Präposition. Dies ist – falls sich dies überhaupt je sagen lässt – ein typischer alt-J Song: nebulöse Lyrics treffen auf schwer fassbare und dennoch klare Klangstrukturen. Es geht psychedelischerweise um Liebe als „the warmest colour“ und als „a pharaoh, and in front of me“. „Nara“ und ägyptische Anführer beiseite folgt als nächstes „Every Other Freckle“, welches die letzte der drei vorzeitig releasten Singles ist. Die letzte und… die beste. Zu diesem Song haben die 3 Jungs aus dem englischen Leeds zwei Katzen-beinhaltende Musikvideos veröffentlicht: Einmal gibt es eine Version, die sich „Boy“ nennt und dasselbe gibt es mit „Girl“. Hier sind sie beide („I wanna be every button you press“ – Hier heisst der Button „play“.):


Der nächste Song ist ein klassischer Rock Song, den alt-J als Protest gegen ihr amerikanischen Label angeblich innerhalb kürzester Zeit (20min) geschrieben haben. Sie haben sich dagegen aufgelehnt, einen Hit wie „Breezeblocks“ zu produzieren und haben „Left Hand Free“ unter anderem allen amerikanischen Lastwagenfahrern gewidmet:

 

„Joe had been playing in rehearsals and fleshing it out with the most perfunctory chords and rhythm imaginable. Whereas the band typically spend weeks agonising over every note, Left Hand Free was written “in about 20 minutes”. Needless to say, the US label loved it.

(Auszug aus einem Interview mit The Guardian vom 05.07.2014)

Nach „Left Hand Free“ folgt ein seltsames Zwischenstück mit Vogelgezwitscher und videospielhafter Querflötenmusik, „Garden Of England“. „Choice Kingdom“ schliesst daran an und ist durch seine glatte Langsamkeit auch eher schwer zugänglich. Danach hungert der Pinienbaum; „Hunger Of The Pine“ war ebenfalls Vorabsingle und ein Sample von Miley Cyrus kommt auch darin vor. „Hunger Of The Pine“ ist einer der grossartigen Schillermomente auf dem Album: Verworrene Düsterkeit erfüllt das Herz.

Viele Kritiken und Rezensionen gibt es von „This Is All Yours“ zwar noch nicht, jedoch sind die Stimmen bereits jetzt ein wenig durchmischt: Während das „Q Magazine“ und das DIY Mag („Beyond the flute solos and mind-blowing euphemisms, there’s rich invention behind ‘This Is All Yours’“) das Album mit lobenden Worten versehen, zeigt sich das „Clash Magazine“ eher etwas verhalten. Ein Zitat aus dem Clash Magazine Review lautet: „‘Warm Foothills’ is possibly the worst song they have ever written, combining the sounds of a bad Christmas and not pushing yourself hard enough, and amplifying it through the chambers of one’s own arse.“.) Die Meinungen spalten sich hier wie das Wasser vor Moses. Die Weihnachtlichkeit suchen wir bei „Warm Foothills“ zwar vergebens, die Pfeiff-Einschübe und das mönchenhafte Duettsingen sind uns dennoch eine Spur zu viel. Haben alt-J die Spur einmal ein wenig verloren, finden sie sie schnell einmal wieder; und zwar im sich schichtend aufbauenden „The Gospel Of John Hurt“. Hier wird ein „Kindheitstrauma“ von Sänger Joe Newman aufgearbeitet, welches um eine Szene im Film „Alien“ geht, wie er The Guardian erzählte. Das Lied beginnt mit Xylophon und metrischen, stoischen Gitarrenklängen und endet in wellenhaften choralen Epikgesängen. (Seid gegrüsst, ihr Adjektive!)

Tracklist gefunden auf: https://www.tumblr.com/search/Alt+J

Tracklist zu „This Is All Yours“ gefunden auf Tumblr

Auch beim nächsten Stück kann man sich vorstellen, dass es Kontroverse erzeugen könnte. „Pusher“ heisst es und ist beinahe eine Ballade mit Anspruch auf Lebensweisheit. Es geht wieder einmal – langsam wirds langweilig – um die Liebe: „if you´re willing to wait for the love of your life, please wait by the line“. Und wer man nach „Pusher“  alt-J schon abgeschrieben hat, weil sie dem Fluch des zweiten Albums unterlegen sind, der hört spätestens beim nächsten Song nochmals hin. „Bloodflood pt. II“ spielt auf den Track „Bloodflood“ an, der auf ihrem Debutalbum „An Awesome Wave“ zu finden ist. „Bloodflood“ war und ist nicht nur auf dem ersten Album, er ist auch einer der besten. Raffiniert haben sie zu pt. II einzelne Elemente übernommen und sie fortgesetzt. Und hier ist die Resolution von allen Dingen:

„I´ll flood all the blood to the heart.“

Und auch wenn das Herz einmal mit Blut versorgt ist, es wird irgendwann Zeit zu gehen. „Leaving Nara“, verlassen wird das Städtchen der Fantasie oder Japan. Klavierintermezzi werden von verzerrten Bassläufen abgelöst und finden gemeinsam in langezogenen Vokalsequenzen Platz. Als Abschluss des Abschlusses folgt der Bonus Track „Lovely Day“, der ebenso mit speziellen Instrumenten bestückt ist, wie so manch anderer Song auf „This Is All Yours“. Alles gehört uns. Die französischen Text-Einschübe, die religiösen Anspielungen, die psychedelischen Flöteneskapaden, die Blutflüsse und die Liebeslieder, die keine sind.

KEEP BUZZIN

Advertisements

Eine Antwort zu “Rezension: alt-J – This Is All Yours (Infectious, 2014)

  1. Pingback: WAVEBUZZ TOP-15 ALBEN 2014 – #04: alt-J – This Is All Yours | WAVEBUZZ·

Kommentiere Bitte!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s