Rezension: Jamie xx – In Colour (Young Turks, 2015)

Typisch Britisch heisst das Jamie xx Debut „In Colour“ und nicht „In Color“. Ob das extra-U der Farbtupfer ist, der auf der neuen und ersten Jamie xx Platte den Unterschied macht? Wir wollen es herausfinden und haben uns die bunte Vielfalt zu Gemüte geführt.

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„IN COLOUR“-REAKTIONEN IN DEN MEDIEN
Die musikkritischen Reaktionen auf das Album sind hauptsächlich sehr positiv. Die Online-Zeitschrift Spex nennt „In Colour“ ein nostalgisches, unverfrorenes Album. Auch der Blog „Consequence Of Sound“ mag die „Stahlpfannenelemente“ und den „orbitalen Sound“. Und sogar Katy Perry mochte einen Jamie-xx-Song so fest, dass die darüber tweetete (man siehe Jamie xx’s Instagram). Die Reaktionen auf „In Colour“ waren jedoch nicht von allen Seiten so euphorisch: Der Blog „The Quietus“ hatte so einiges am Debüt zu bemängeln: Kritisiert wurde zum Beispiel, dass Jamie xx auf seinem Album zwar das Londoner Nachtleben portaitierte, dies jedoch ohne je politisch zu werden.

Eine SMS von Kieran Hebden (aka Four Tet). Gepostet auf dem Instagramprofil von @jamie___xx am 08. Mai 2015

Eine SMS von Kieran Hebden (aka Four Tet) über Katy Perry. Gepostet auf dem Instagramprofil von @jamie___xx (08. Mai 2015)

WAS IST DER UNTERSCHIED ZWISCHEN JAMIE XX UND THE XX?
Klar ist: Beide Pseudonyme tragen jeweils zweimal ein „x“ im Namen. „Spass“ beiseite: Beide Projekte sind auch von Jamie Smith (so heisst der Mensch im echten Leben) initiiert.
Gekleidet ist der Mittzwanziger hauptsächlich in Schwarz: Schwarze Skaterschuhe, schwarze Hosen und ein schwarzes T-Shirt. So auch im ausführlichen, lesenswerten Portrait auf dem Online-Magazin Pitchfork vor einigen Wochen.

#KURZEREINSCHUB – Wer erinnert sich? ❤
The xx haben mit ihrem tieftraurigen, reduzierten Sound die Electronica- und Pop-Welt um zwei wunderschöne Alben („xx“ (2009) & „co-exist“ (2012)) reicher gemacht. Und weil es immer noch so übertoll ist, was The xx gemacht haben, hier ein Lied von ihnen:
#KURZEREINSCHUBENDE


Ein Unterschied (um die Frage des obigen Titels zu beantworten) zwischen den zwei Projekten von Jamie Smith ist übrigens spürbar.
Dieser Unterschied wird im erwähnten Pitchfork-Artikel illustrativ beschrieben: Anders als bei The xx, wo sich Jamie zwischen Licht und Schatten befindet, bewegt sich Jamie xx bei seinem Soloprojekt auf grauem und farbigem Terrain zugleich. Klar ist sicherlich, dass The xx und Jamie xx zusammenhängen. Denn die Quelle des Schaffens ist bei beiden Projekten das selbe Gesicht.

„ If the xx’s music is governed by the tension between darkness and light—an opposition made plain in the black-and-white color scheme of their records—then Smith’s solo music is tugged between gray and full-color, between austerity and opulence.

OH MY GOSH – WIE KLINGEN DENN NUN DIE EINZELNEN SONGS?
Oh. My. „Gosh“! Das Album beginnt ja schon mit einem Hit, der an einer verlebten Londoner Afterhour laufen könnte. Im Hintergrund werden stets die Zeilen „Oh my Gosh“ loopartig wiederholt. Das Lied ist eher karg an Melodie, dafür strotzt es vor fesselnder Rhytmik. „Sleep Sound“ klingt im Intro wie ein Tautropfen an einem Grashalm, der sich in der Sonne spiegelt. Dieser Tautropfen wird alsbald jedoch von einem sanften Erdbeben erschüttert. Schräge Halbtöne entnehmen dem Track seine Gelassenheit.

„SeeSaw“ ist wohl einer der so-far-besten Tracks aus dem Jahr 2015, obwohl er aus dem Jahr 2014 kommt. Das von Four Tet produzierte Stück lebt von der Sängerin Romy Madley Croft (Sängerin bei The xx). Das wunderbare Wortspiel unterstreicht die strahlende Schönheit des Tracks: Jetzt („see“) und Vergangenheit („saw“) verschwimmen in eine Kindheitserinnerung (See Saw = deutsch: „Schaukelbrett“ & ch-deutsch: „Gigampfi“). Nach dieser abstrakten Beschreibung kommen wir zu „Obvs“: „Obvs“ ist die Internet-Slang-Form für das englische Wort „obviously“. Das ist so offensichtlich – das hätte man eigentlich nicht hinschreiben sollen. „Just Saying“.

TRACKLIST: JAMIE XX – IN COLOUR

1. Gosh
2. Sleep Sound
3. SeeSaw (featuring Romy)
4. Obvs
5. Just Saying
6. Stranger In A Room (featuring Oliver Sim)
7. Hold Tight
8. Loud Places (featuring Romy)
9. I Know There’s Gonna Be (Good Times) (featuring Young Thug & Popcaan)
10. The Rest Is Noise
11. Girl

MELANCHOLIE UND MUSIKALISCHE RÄUMLICHKEIT
„Stranger In A Room“ ist Melancholie. In ihrer reinsten Form. Und ja, mir ist bewusst, dass das Wort Melancholie inflationär verwendet wird, um irgendeinen tiefgreifenden Musikeffekt zu beschreiben. Hier geht es jedoch nicht anders; Melancholie. Selbst in den Lyrics, Melancholie überall:

„Tonight I fell for the outline
Of someone I’ve wanted to know
Cause here under the blue lights
There’s always someone I’ve wanted to know“

„Hold Tight“ öffnet dem Hörenden eine neue, bisher unbekannte Räumlichkeit. Wie alle Songs auf „In Colour“ klingt auch „Hold Tight“ mit allen Echos und Fades sehr weitläufig. Man hegt beinahe das Gefühl, sich in einem Salvador-Dalí-Gemälde verirrt zu haben. „Loud Places“ ist das zweite Stück mit Romy. Dennoch klingt es nicht wie The xx: Der Klang ist zu offen, zu durchtränkt und durchdrungen. Nach dem sonoren „Loud Places“ folgt ein Lied, das auf dem Album „In Colour“ am meisten aus der Reihe tanzt: „I Know There´s Gonna Be (Good Times)“. Mit Reggae- und Hip Hop- Einflüssen lässt es einen sprachlos. Dieses Stück könnte geradezu in der nächst besten Strandbar eines Ibiza-Szene-Clubs laufen.

„THIS RECORD REPRESENTS THE LAST SEVEN YEARS OF MY LIFE“,
schreibt Jamie xx am Release-Tag von „In Colours“ auf Instagram. Er dankt dabei den Members von The xx, die ihn stets treu begleitet haben. „The Rest Is Noise“ spiegelt diese 7-jährige Achterbahnfahrt aus DJ-ing, Tours, Festivals und Studiosessions wunderbar wider: Das Lied verliert sich in Umdrehungen um die eigene Achse, ohne den Ideenfluss zu verlieren. Das Album „In Colours“ schliesst mit dem Stück „Girl“. Bei diesem verschachtelten Stück wird Chill an Clubtauglichkeit gekoppelt. Diese beiden Gegensätze tanzen dann zusammen, bis das Farbenspiel vorbei ist.

Jamie xx mit Romy und Oliver Sim am Tag der Veröffentlichung von

So freudig: Jamie xx mit Romy, Oliver Sim und Schallplatte am Tag der Veröffentlichung von „In Colour“.

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2 Antworten zu “Rezension: Jamie xx – In Colour (Young Turks, 2015)

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