Rezension: Svalbard – It’s Hard to Have Hope (Holy Roar Records 2018)

Gastbeitrag: Frank Heiniger

Die Post-Hardcore-Gruppe Svalbard ist – zu Unrecht – noch immer ein Geheimtipp. Mit ihrem neuen Album „It’s Hard To Have Hope“ könnte sich das nun ändern. Gastautor Frank über ein Album, das mit Genrekonventionen bricht.

Über die letzten Jahrzehnte hat Bristol immer wieder aussergewöhnliche Bands hervorgebracht. Portishead, Massive Attack oder The Pop Group – nur drei unter vielen, die den kreativen Ruf der lokalen Musikszene in die Welt hinausgetragen haben. Stilistisch lässt sich Svalbard, der aktuell wohl vielversprechendste Export der britischen Universitätsstadt, zwar kaum mit den genannten Gruppen vergleichen. Dennoch ist ihnen zumindest eines gemein: der Anspruch, sich nicht von Genrekonventionen zurückbinden zu lassen.

Obwohl das Quartett um Gitarristin/Sängerin Serena Cherry bislang noch nicht über den Status eines Geheimtipps hinausgekommen ist, scheint die Band hierzulande immer mehr Fans zu finden. An Konzerten von Deafheaven, Slowdive oder Russian Circles waren bereits Svalbard-Shirts auszumachen – was kaum überrascht, gelingt es den Briten doch bestens, verschiedene Stilelemente der erwähnten Gruppen in den eigenen Sound einzuweben.

Nach mehreren EPs und «One Day All This Will End», dem grossartigen Full-Length-Debüt von 2015, hat Svalbard am 25. Mai endlich das zweite Album vorgelegt. Auf „It’s Hard to Have Hope“ wird das bewährte Grundrezept zwar beibehalten, jedoch weiter verfeinert: Geschriene Vocals, verzerrte Gitarren und schnelle Punk- respektive Blast-Beats liefern das hardcorelastige Fundament, das mit melodiösem Tremolo-Picking à la Mono, Explosions In The Sky oder This Will Destroy You angereichert wird. Glücklicherweise erhält nun auch der cleane Gesang von Serena Cherry deutlich mehr Raum, was für Abwechslung sorgt und den Songs zusätzliche Qualität verleiht.

Viele Stücke beginnen in typischer Post-Rock-Manier ruhig und atmosphärisch, um im weiteren Verlauf stetig an Intensität zuzulegen – exemplarisch zu hören in „Pro Life?“, einem wütenden Plädoyer für das Selbstbestimmungsrecht der Frau, das in der Zeile „Is it pro-life to have no rights?“ seinen musikalischen und emotionalen Höhepunkt findet.

Aus der breiten Masse ragt Svalbard auch textlich hervor. Denn wo andere Bands Raum für Interpretationen lassen, schreckt das Quartett nicht vor klaren politischen Aussagen zurück. Auf dem Album prangert es soziale Missstände an, mit denen sich zurzeit vor allem Frauen konfrontiert sehen – der Missbrauch freizügiger Fotos durch den Ex-Partner („Revenge Porn“), das Ausnützen von Praktikanten als billige Arbeitskräfte („Unpaid Intern“) oder die Diffamierung von Feministinnen („Feminazi?“). Die Songs gleiten dabei nie ins Defätistische ab, sondern rütteln auf und geben Mut, die Probleme anzupacken.

They assume it’s your fault for being “a slut”
They assume it’s your fault for being willing to trust
They assume it’s your fault but it is not
Sending nudes is not a crime, distributing them without consent is
Girls held at ransom over an act of intimacy

-Svalbard – Revenge Porn

So lobenswert Svalbards Engagement ist: Weniger spezifische Lyrics lassen sich jeweils in einem aktuellen Kontext neu interpretieren. Wie gut die plakativen Slogans auf „It’s Hard to Have Hope“ altern, muss sich hingegen erst noch weisen. Allein durch die herausragende Qualität der Songs hat das Album aber durchaus das Zeug, sich als Genreklassiker zu etablieren. Dem sympathischen Quartett wäre es definitiv zu gönnen.

9/10

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