Rezension: Courtney Barnett – Tell Me How You Really Feel (Mom + Pop Music, 2018)

Gastbeitrag: Lisa Brombach

Mit ihrem zweiten Soloalbum „Tell Me How You Really Feel“ zeugt Courtney Barnett erneut von ihrem songwriterischen Talent. Und davon, dass sie sich ihren Platz im Indieolymp zurecht verdient hat.

Am 18. Mai hat Courtney Barnett ein neues Album rausgebracht, nur wenige Monate nachdem sie ein ge meinsames Projekt mit Kurt Vile veröffentlicht hatte. „Sea Lice“ mit Vile ist eine Kollektion verspielter, absichtlich unperfekter Songs. Auf dem neuen Album „Tell Me How You Really Feel“ bleibt Barnett unverkennbar und zeigt trotzdem eine musikalische und vor allem songwriterische Entwicklung.

Während sich ihre letzte Platte vor allem durch clevere Wortspielen auszeichnet, ist das neue Album lyrisch viel direkter gehalten. Auch wenn man sich mit überpsychologisierten Analysen zurückhalten sollte, könnte man doch behaupten, dass die cleveren Wortspiele und assoziativen Texte ihres ersten Albums Barnett dazu dienten, sich der Entblössung vor dem Hörer zu entziehen. Zwar sind die Texte auf Barnetts neuem Album keinesfalls prosaisch, es scheint aber eine persönlichere Dringlichkeit hindurch.

“Tell Me How You Really Reel” ist Barnetts erstes Soloalbum seit der Veröffentlichung von „Sometimes I Sit and Think, and Sometimes I Just Sit“; ihres unglaublich populären Debüts, dass sie in den Status eines Indiestars katapultierte. Musiker tendieren dazu, ihr zweites Album zu nutzen, um die Erfahrung des neuen Erfolgs zu verarbeiten. Nicht so Courtney Barnett. Denn wer schon einmal ein Interview mit ihr gelesen oder gehört hat, weiss, dass selbstgefälliger Pomp unwahrscheinlich war. Barnett lässt sich nicht darauf ein, die Anspielungen bleiben stets vage genug, dass auch wir Normalos uns in den Gedanken und Konflikten erkennen können. Zudem ist Australien ein Land, das die Bodenständigkeit seiner Berühmtheiten feiert und fordert, was der Ausdruck “tall poppy syndrom” lakonisch umschreibt.

Oftmals gewinnt man den Eindruck, dass die Texte eine Seite eines Dialogs darstellen. Ob nun mit einer tatsächlichen Person oder ein Gespräch im eigenen Kopf. Tatsächlich scheinen die Texte oftmals wie Streitgespräche, in denen Barnett die einzige Teilnehmerin ist. Dabei zeigt sie erneut eine beunruhigende Fähigkeit menschliche Unzulänglichkeiten und Schwächen mit simplen Phrasen präzis zu erfassen. Wenn Barnett in „Walking on Eggshells“ von „self-righteous, my heart of gold“ singt, trifft sie die moralische Heuchelei, die wir bei uns selbst erkennen und zu beschämt sind, um sie auszusprechen.

Walkin‘ on eggshells gets tiring and
Pulling teeth, white-knuckling
And I don’t wanna hurt your feelings
So I say nothing
Sorta self-righteous, my heart of gold
Just sit back, do what you’re told
If you spot it, you got it
Well, maybe I got it too

Barnett ist wie schon erwähnt vor allem für ihre Texte bekannt und die musikalischen Fähigkeiten sind oftmals zweitrangig. Das trifft auch auf dieses Album zu. Auch auf “Tell me How You Really Feel” wabern Countryeinflüsse herum, manchmal im Vorder- und manchmal im Hintergrund. Die Lieder sind gekonnt nachlässig, was vor allem an Barnetts ungekünsteltem Singstil und verzerrtem Gitarrenspiel liegt. Darin lassen sich sicherlich Grungeaspekte erkennen, aber öfter schwappen die Lieder in den Bereich Noise Rock vor.

Fazit: Alles in allem ist „Tell Me How You Really Feel“ in sich stimmige, songwriterisch überzeugend und bietet eine musikalische Bandbreite an, bei der für jeden etwas dabei ist.

9/10

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