Rezension: Owen Pallett – In Conflict (Domino, 2014)

Owen Pallett ist kein Shooting-Star der zeitgenössischen Musikszene und dennoch bereits überall dabei: Er hat nicht nur mit Acts wie Beirut, Arcade Fire (bsp. Co-Writer des Albums „Funeral“), The Hidden Cameras, Caribou, Grizzly Bear und The Last Shadow Puppets zusammengearbeitet, nein. Er spielte auch für Orchester, verfasste 2 Opern während seines Studiums und schrieb Filmmusiken (unter anderem für den Film „Her“, zusammen mit Arcade-Fire-Frontman Will Butler). Nun ist Pallett´s viertes Studioalbum „In Conflict“ draussen und es ist… voller Konflikte, Innerlichkeiten und Brian Eno.

Das Albumcover mit dem Tintenkleks: Owen Pallett druckt spaltenweise im Hintergrund die Lyrics des neuen Albums "In Conflict" ab.

Das Albumcover und der Tintenkleks: Owen Pallett druckt spaltenweise im Hintergrund die Lyrics des neuen Albums „In Conflict“ ab.

DIE STILLEN HINTERGRÜNDE DES OWEN PALLETT
Die Musik enthält sowohl klassische als auch moderne Elemente. Sie wird gängigerweise als Barock-Pop oder Electronic-Art-Rock bezeichnet. Das neue Album „In Conflict“ ist bereits das zweite (nach dem 2010 erschienenen „Heartland“), welches Pallett unter seinem neuen Künstlernamen „Owen Pallett“ aufgenommen hat. Früher nannte sich der Kanadier nämlich noch wie ein Anime; Final Fantasy. Unter diesem alten Namen Final Fantasy gewann der heutige Pallett (mit dem Album „He Poos Clouds“) den heissbegehrten „Polaris Music Prize“, der ausschliesslich kanadischen Künstlern vorenthalten ist. Schaut man sich auf Wikipedia einmal die Liste „other contributions“ an, was Pallett innerhalb seines 35-jährigen Lebens bereits erreicht hat, findet man eine grosse Vernetzung innerhalb der Musikwelt vor. Scheint alles paletti zu sein, bei Owen, …oder?

Der Name des Albums ist so experimentell wie das Cover selbst: "He Poos Clouds" war das preigekrönte Album von Pallett aka. "Final Fantasy"

Der Name des Albums ist so experimentell wie das Cover selbst: „He Poos Clouds“ (2006) war das preigekrönte Album von Pallett aka. „Final Fantasy“

„IN CONFLICT“ – DIE VIELEN FACETTEN DER EIGENEN VERWIRRUNG
So paletti wie die Bilderbuchfamilie in einer Pasta-TV-Werbung ist jedoch nicht alles: Getrieben von einer innerlichen Rastlosigkeit, erhielt „In Conflict“ einen fragenden Impetus, welcher tiefgreifend die menschliche Psyche durchbohrt. Dieser Bohrprozess unseres Gehirns und des alltäglichen Bewusst- und Nichtbewusstseins geschieht jedoch auf milde Weise. Hört man sich „In Conflict“ an, fühlt man sich wie ein Nichtkranker, der eine Kopfschmerztablette verzehrt und sich danach dennoch besser fühlt. Damit soll nicht gesagt sein, dass das Album keinerlei Effekt auf den Hörenden hat. Vielmehr soll es ein Statement sein, dass auch der Nichtkranke durch Nichtwissen oder Ignoranz sein Kopfweh die ganze Zeit hinweg verdrängt hat. Und sich nun viel besser fühlt. Pallett spricht, wie es viele Solokünstler tun, den Rezipienten auf einer unterbewussten Ebene an. Er selbst verpasst jedoch – gemäss eigenen Angaben – all seinen Songs den Dunstnebel der Sexualität. Sein gesamtes Schaffen sei implizit davon getrieben. In einem kürzlich erschienenen Interview („DAZED“ Online) sagt Pallett über „In Conflict“:

“There’s a general sort of dysmorphia running through the songs and this struggle between alcoholism and sobriety or sanity and insanity, creative state and consumer state, male and female, all this different stuff.”

Das obige Video zu „Song For Five and Six“ ist eine tanzchoreographische Interpretation des loopigen, virtuosen Tracks. Die bläuliche Filterung, die als visuelles Mittel eingesetzt wird, verschiebt den ganzen Eindruck erneut in Richtung Verwirrung und Verschwommenheit. Die Tänzer tanzen augenscheinlich vor verhängten Wänden (oder Fenstern?). Im Geheimen. Eine abgerundete Subtilität liefert sich ein Tanzduell mit pirouettenhafter Verzweiflung. „I Am Not Afraid“ eröffnet das Album als stille Kampfansage. Danach folgt die inhaltliche Linie, welche sich durch die ganze Platte hindurchzieht: „In Conflict“ vermischt elektronisch verzogene Elemente und klassische Violinvirtuosität. Zu diesem Lied gibt es ebenso bereits ein Musikvideo, das angelegt ist wie eine traurige Liebesgeschichte. Es beginnt mit dem weissbeschrifteten Vorspann und denn Worten:

„Whatever you do, whatever I do, whatever happens I will always love you because I have loved you and you are also more than time and space. (…) For the space in which you move is beauty and the time music. And what is at the moment of beauty will always be.“

Auch im Musikvideo für „In Conflict“ spielt der Tanz erneut eine grosse Rolle. „The Secret Seven“ könnte beinahe als Pop-Stück durchgehen. Die Refrain-Melodie versprüht angeschnittenen Coldplay-Charakter. (Der Anschnitt ist jedoch sehr klein, ein Hauch.) Bei „Chorale“ spürt man den Klassik-Hintergrund von Pallett: Das Stück ist eingeleitet wie eine modern-impressionistische Symphonie eines Stravinsky (am Nachmittag?). „The Passions“ ist eine inhaltsschwere Geschichte einer Liebe, die durch die erzählte Präzision eine Persönlichkeitsnote erhält. „In Conflict“ ist ein formatgemässes Album, wie es sich gehört: In seiner Gesamtheit gehört, entfaltet es seinen grössten Reiz. Wie eine orchestrale Suite mit Interludes („–> 1“) und Presto-Tempo („Infernal Fantasy“) im vierten Satz bauen die „In Conflict“-Songs eine Brücke des Gesamteindrucks.

TOUR (via http://www.owenpalletteternal.com):
Am 02. Dezember 2014 wird Pallet in der Roten Fabrik in Zürich spielen. Wir sind da bereits „On A Path“.

Utrecht 23.11.14
Cologne 29.11.14
Karlsruhe 30.11.14
Munich 01.12.14
Zurich 02.12.14
London 03.12.14
Amsterdam 05.12.14
Lyon 06.12.14
Helsinki 07.12.14
Leipzig 09.12.14
Vienna 10.12.14
Madrid 12.12.14
Barcelona 13.12.14
Valencia 14.12.14

Mehr Informationen und laufende Updates zu Owen Pallett gibt es übrigens auf seiner Fan-Page, die stets mit Remixes und News gefüttert wird: http://alpentine.com/

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2 Antworten zu “Rezension: Owen Pallett – In Conflict (Domino, 2014)

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