Rezension: Josh Ritter – Sermon On The Rocks (Pytheas, 2015)

Als „rock and roll with lots of words“ hat  Josh Ritter seine Musik einmal beschrieben. Kein Wunder fährt die Kritik gerne das grosse Vergleichsgeschütz auf, wenn die Sprache auf den jungen amerikanischen Singer/Songwriter kommt. In Ritter (*1976) jedoch einen blossen Wiedergänger von Dylan, Cohen oder Springsteen zu hören, wäre verfehlt.

ritter

Klar, der Opener des neuen, mittlerweile achten Studioalbums – „Birds of the Meadow“ – lässt mit seinem apokalyptischen Brummen und den dunklen Bibelreferenzen ein wenig an Leonard Cohen denken, aber da ist noch anderes – dutzende, hunderte von Einflüssen, die der studierte Folkkenner zu seinem ganz eigenen Sound vermengt. Ritter  hat tatsächlich einen Abschluss in „American History Through Narrative Folk Music“, ein Studiengang, den das Oberlin College in den Neunzigern extra für ihn entwickelte, weil ihm das Studium der Neurowissenschaften nicht behagt hatte, er sich lieber mit Geschichte und Herstellung von Musik befasste.

Vergangene Ritter-Alben glänzten häufig mit intimen, sparsam instrumentierten Folksongs. Gerade der direkte Vorgänger der aktuellen Platte, „The Beast In Its Tracks“ (2013), war ein sehr privates, nachdenkliches Breakup-Album, eine Ansammlung leiser Töne und herzergreifender Poesie. Live hingegen wählt Ritter mit seiner Royal City Band schon lange den Weg des vollen Bandklangs – was in grandiosen Auftritten und einigen Livealben mündete.

„Sermon on the Rocks“ nun wurde in New Orleans aufgenommen, mit einer brillanten Band, der u.a. Drummer Matt Barrick (The Walkmen) und als Gitarrist der langjährige Kollaborateur (und heimliche Star des Albums) Josh Kaufman angehören. Entstanden ist ein voller, mitreissender, facettenreicher Sound – „messianic oracular honky-tonk“ um wieder Ritters eigene Worte zu gebrauchen.

Schon die drei bisher erfolgten Auskopplungen lassen erahnen, was dieser fantastische Songwriter alles beherrscht. „Getting Ready To Get Down“ ist ein übersprudelnder Wortschwall mit Countryanklängen. Er bringt uns Ritter als begnadeten Satiriker nahe, der sich der Widersprüchlichkeit amerikanischer Religiosität humoristisch annimmt

„Where The Night Goes“ wiederum ist ein lebensbejahender, gleichzeitig glückseliger wie tieftrauriger Popmoment, Ritters hauseigenes „Thunder Road“, sozusagen.

„Homecoming“, die dritte Vorabsingle, taucht dann vollends ein in die Melancholie nahender Winter und vergehender Liebe. Ein ambitioniertes Werk, lyrisch und musikalisch, fünfeinhalb Minuten, in denen alle Beteiligten zu absoluter Hochform auflaufen.

Von euphorischen Folk-Jams à la Avett Brothers („Cumberland“) übere düstere Soundlandschaften („Seeing Me ‚Round“) bis hin zu aggressivem Postpunk („Lighthouse Fire“) beherrschen Ritter und seine Crew die Palette populärer Musikstile auch anderweitig. Das überlegene Songwriting eignet sich jeden Stil scheinbar mühelos an.

„Sermon on the Rocks“ ist ein Album von einer auf allen Ebenen so hohen Qualität, wie es in einem Genre nur alle paar Jahre einmal geschaffen wird. Ritter ist ein sensibler Poet, ein Satiriker, ein Prophet, die Songs sind literarisch ambitioniert, rhythmisch elaboriert, vor allem aber leisten sie eines: sie machen glücklich. Wozu überhaupt die vielen Worte? Ein Meisterwerk.

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