Konzertbericht: Leech (15.09.2018, Plattentaufe, Moods Zürich)

20 Jahre ist es her, seit die Schweizer Post-Rock-Gruppe Leech ihr Debutalbum „Instarmental“ veröffentlicht hatte. Und pünktlich zu diesem Jubiläum folgt nun das mittlerweile siebte Studioalbum „For Better Or For Worse“. Am 15. September feierte die Band im Zürcher Moods Plattentaufe.

Wie sich das für eine Plattentaufe gehört, steht an diesem Abend die Musik im Zentrum. Denn als Urväter der Schweizer Post-Rock-Szene bedürfen Leech keiner reizüberflutenden Visuals, schrägen Kostüme oder auffälligen Showeinlagen, um die Aufmerksamkeit für sich zu gewinnen.

Doch nicht nur die Band, sondern auch die Zuhörer räumen der zu taufenden Platte den Raum ein, der ihr gebührt. Wie man sich das von Post-Rock-Konzerten gewohnt ist, ist das Publikum zwar (altersmässig und optisch) stark durchmischt, teilt aber eine angenehme „Nerdiness“ für Musik, was meistens (und auch an diesem Abend) bedeutet: wenig Smartphones, kaum hörbare Gespräche – und das selbst bei ruhigeren Passagen.

Jenseits von Raum und Zeit

Wie ein Blutegel also – ein Leech – saugt die Band mit ihrer Musik die volle Aufmerksamkeit des Publikums im Moods ein. Wobei „Musik“ dabei nicht als Summe einzelner Songs verstanden werden darf. Vielmehr bieten Leech an ihrer Plattentaufe ein Gesamterlebnis, in dem sich die visuellen und akustischen Sinne in Raum und Zeit vermengen.

Unweigerlich fühle ich mich dabei an die Worte des Historikers Marc Bloch erinnert, der „Zeit“ im (historischen) „Raum“ mit der Metapher des Plasmas beschreibt, als Substanz, die zugleich Kontinuität und dynamische Veränderung in sich vereint. Kaum bemerkbar ist etwa, wann ein Song endet und der nächste beginnt, als Zuhörer wird man von einem kontinuierlichen Klangfluss mitgezogen. Die lauten Gitarrenriffs, die unangekündigt ruhige Synthesizer-Einlagen unterbrechen, sorgen dennoch für dynamische Stimmungswechsel. Dass das die meisten Zuhörerinnen und Zuhörer emotional mitreisst, ist wenig überraschend.

Das musikalische „Plasma“, das sich an diesem Abend im Moods entfaltet, transformiert eine Ansammlung anonymer Individuen in eine zeitlich begrenzte Gemeinschaft, quasi in eine Taufgemeinde, die das „Baby“ ihrer musikalischen Vorbilder feiert. Nur ist diese Taufe im Unterschied zu ihrem kirchlichen Pendant eben eine säkulare, denn Musik, Raum, Zeit, Gefühle etc. sind zwar durchaus abstrakte, aber dennoch physikalisch erklärbare Konzepte.

Nach Konzertende löst sich diese Gemeinschaft mit erstaunlicher Geschwindigkeit auf. Im Kopf hallen weniger die einzelnen Songs nach als vielmehr die geballte musikalische Wucht, die emotionalen Crescendos und Decrescendos – es ist also das Hör-Erlebnis und nicht primär das Gehörte, das bleibt. Wenn die neue Platte „For Better Or For Worse“ zu Hause eine annähernd so intensive Wirkung zu entfalten vermag, gehört sie definitiv ins Standard-Repertoire eines jeden Liebhabers der instrumentalen Post-Rock-Musik.

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