Rezension: Augie March – Havens Dumb (Dark Satanic/Caroline, 2014)

2008 verabschiedeten sich Augie March in eine Pause auf unbestimmte Zeit. Fünf Jahre, ein Soloalbum von Mastermind Glenn Richards und ein paar semi-spannende Nebenprojekte später meldet sich das literarisch ambitionierte australische Quintett zurück. „Havens Dumb“ ist genau das geworden, was sich ein jeder Fan erhofft haben dürfte: ein klassisches Augie-March-Album.

augie

Wer sind überhaupt Augie March? Es bedarf einer kurzen Einleitung zu diesem in Europa zu Unrecht sehr wenig bekannten Quintett. Augie March sind eine Band, deren Songs eigentlich nie für ein grosses Pop-Publikum bestimmt waren. Als jedoch 2006 ihr drittes Album „Moo, You Bloody Choir“ – mit Sicherheit einer der Top-5-Albumtitel aller Zeiten – erschien, entdeckte die australische Starmachermaschine Triple J den Song „One Crowded Hour“ und machte die Band über Nacht, nun eben, zu Stars. 2008 erschien das erste Post-Durchbruch-Album, „Watch Me Disappear“, eine Annäherung an den Indierock-Mainstream, die nichtsdestotrotz alle Trademarks der Band beinhaltete. Dann fünf Jahre Schweigen, nun die Rückkehr.

Und was ist denn nun ein klassisches Augie-March-Album? Eine Zumutung. Es erfordert nämlich Mut, sich den akustischen und lyrischen Exkursen von Glenn A. Richards zu stellen. Mut, der belohnt wird. „Havens Dumb“ ist mit einer Spielzeit von 64 Minuten überdurchschnittlich lang, fast ein wenig zu lang, würde man denken. Die vierzehn Songs lassen sich lose in zwei Hälften unterteilen: Die ersten sieben sind geprägt von eingängigen Popmelodien und prägnanten Rhythmen, die zweite Hälfte rekrutiert sich mehrheitlich aus schwereren, komplexen Klangkonstrukten. Allen Songs gemeinsam ist die Textlastigkeit. Von einer Band, die nach einem Stück Weltliteratur benannt ist, ist kaum etwas Anderes zu erwarten. Es ist empfehlenswert sich die Lyrics anzusehen – während des Hörens oder auch separat, denn die Texte lesen sich auch als von der Musik unabhängige Gedichte sehr eindrücklich.

Lieblingsthemen wie das Vergehen der Zeit, die Sterblichkeit, Dislokation oder Distanz umkreisend, hat Glenn Richards Stücke von viktorianischer Sprachmächtigkeit geschaffen. Man muss bei ihm auf einiges gefasst sein: Körper, die im Wind baumeln, Leichen unter der feuchten Erde, Misshandlungen, rurale Mythen des Outbacks, die Brutalität des Menschen,…

Bisweilen sind den Texten durchaus auch politische Implikationen eingeschrieben, so etwa dem gänsehauterregenden „Definitive History“, dessen fernes Pfeifen und die sparsamen Pianoakkorde in Kombination mit dem Text heisse und kalte Schauer verursachen. Ein Song, der sich kritisch mit der Abbott-Ära seit 2013 auseinandersetzt, es geht etwa um den Fremdenhass, ein Thema, das auch andere Songs stellenweise aufgreifen, z.B. das eingängige Pop-Highlight des Albums, „A Dog Starved“. (Für diesen Song hätte ich jetzt beinahe zum Unwort ‚beatlesesk‘ gegriffen, konnte es aber gerade noch vermeiden.)


We only differ from the rat, given a stranger in the pack,

in how we improvise to tear the strips from him.

Diese beiden Songs stehen sinnbildlich für die beiden Hälften des Albums: „A Dog Starved“ für die sofort zugänglichen ersten sieben Songs, unter denen etwa auch der folkige Opener „AWOL“, die Klavierballade „Bastard Time“ und der geschmeidige Doo-Wop von „Hobart Obit“ glänzen. „Definitive History“ auf der anderen Seite führt die zweite Hälfte des Albums an, wo sich bisweilen düstere Klangwelten eröffnen, sich verstörende Töne unaufhaltsam ihre Wege ins Gehör bahnen. Das siebenminütige, erstaunlich textarme „Never Been Sad“ ist eindrücklicher Beweis für ein solches dunkles Stimmungsbild. Und dann versteckt sich da noch die „Villa Adriana“, ein gewaltiger Song, der die besten Seiten der wabernden Finsternis und des eingängigen Indierock zueinanderführt, gipfelnd in einem in die Stratosphäre und darüber hinaus explodierenden Refrain.

Kurz und knapp: Mit „Havens Dumb“ ist Augie March eine triumphale Rückkehr geglückt, die in Australien mit viel Begeisterung zur Kenntnis genommen wird & hoffentlich auch bald auf europäische Gefilde übergreifen wird. Ein faszinierendes Album, dessen Songs und insbesondere Texte sich kaum beim ersten Hören vollständig erschliessen lassen, aber in den meisten Fällen mit jedem Durchgang wachsen.


Und jetzt, einfach weil’s so schön ist, noch eine ganze Textstrophe aus „AWOL“:

Summer romeos casing the park,

by the uniform urinals of love’s rural province.

O don’t you know time, with its petty vial of sands,

inscrutable face and merciless hands?

And don’t you know love?

It’s a whirlwind of feathers,

tickles you to your nethers and leaves a terrain of despair…

(Wow? Anyone? Hab ich da grad Bob Dylan Blut schwitzen gehört? )

Das Album auf Spotify hören:

Wem die Pop-Momente zusagen, dem seien die Alben „Moo, You Bloody Choir“ (2006) und „Watch Me Disappear“ (2008) ans Herz gelegt, wer eher auf die komplexen Klangbilder steht, höre sich „Sunset Studies“ (2000) und „Strange Bird“ (2002) an. Aber eigentlich sollte man sich eh alle vier zu Gemüte führen, so ist das nämlich.

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2 Antworten zu “Rezension: Augie March – Havens Dumb (Dark Satanic/Caroline, 2014)

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