Rezension: Wintersleep – The Great Detachment (Dine Alone Music, 2016)

Sie schreien wieder. Allwissende, allmächtige Musikkritiker, die „Kommerzialisierung“ – was soll das überhaupt heissen? – mit „Persönlichkeitsverlust“ gleichsetzen; Kritiker, die die Kategorie der „Innovativität“ zum Heiligen Gral der Popmusik erklären. Vermutlich aus Angst, sonst als „konservativ“ abgestempelt zu werden. (Es sind wohl dieselben Kritiker, die unlängst das U2-Album „Songs of Innocence“ zerrissen haben, nur weil es kostenfrei abgegeben wurde.) Auch die kanadische Band Wintersleep, die dieser Tage ihr sechstes Studioalbum „The Great Detachment“ auf den Markt brachte, ist vor haltlosen Anschuldigungen nicht gefeit (vergleiche etwa hier und hier)

(Nicht nur) angesichts der Klasse dieses Albums ist es an der Zeit, eine Lanze gegen die Scheuklappen solcher Kritik zu brechen. Entkräften wir zunächst einmal rasch die irrigen Grundannahmen: a) „kommerziell“ ist jedes musikalische Werk, das für ein Publikum bestimmt ist, b) „innovativ“ ist jedes musikalische Werk, das so noch nie zuvor gehört wurde – also so ziemlich alles, was nicht gerade aus der Feder Dieter Bohlens stammt. Diese beiden Kategorien als Anlass für negative Kritik zu nehmen, ist dementsprechend nichts als Worthülsenjonglage und entbehrt jeder Logik. Amen.

wintersleep

Stellen die Welt auf den Kopf, wissen dabei aber, was sie tun: die kanadische Band Wintersleep.

Nun aber Wutreden beiseite, hinein ins Vergnügen, das sich „The Great Detachment“ nennt. Wintersleep aus Halifax, Nova Scotia, hatten ihren Durchbruch 2007/08 mit dem Album „Welcome to the Night Sky“, worauf ihr bis heute bekanntester Song „Weighty Ghost“ zu finden ist. Für dieses Werk gewannen sie 2008 den kanadischen Juno Award für Breakthrough Group of the Year. Nach zwei eher unbemerkten Alben („New Inheritors“, 2010, und „Hello Hum“, 2012) kehrte die Band für das neue Set gemeinsam mit ihrem langjährigen Produzenten Tony Doogan (Mogwai, Belle And Sebastian) ins heimische Sonic Temple Studio in Halifax zurück, wo die elf neuen Songs zu einem grossen Teil live eingespielt wurden.

Eröffnet wird das Set von „Amerika“, einem hymnischen Rocksong, getragen von schweren Drums, perkussiven ebenso wie sphärischen Gitarrenklängen und einer leicht melancholischen, unmittelbar eingängigen Melodie. Das ist souverän dargebotener und produzierter – durchaus mit dem Auge auf grössere Stadien schielend – Midtempo-Americana (oder Amerikana?)-Rock, wie er Freunden von Bands wie Delta Spirit, My Morning Jacket oder auch Portugal.The Man gefallen wird.

Gemeinsam mit dem wesentlich schnelleren, aber keinesfalls weniger eingängigen Schrammelsong „Santa Fe“ bildet „Amerika“ ein überragendes Duo zum Einstieg ins Album, geballte Gitarrenpower von einer Truppe, der im fünfzehnten Jahr ihrer Existenz die Spielfreude stärker denn je anzuhören ist.

Das geht so weiter: „Lifting Cure“ ist eines der melodischen Glanzlichter des Albums, lässt Erinnerungen an die grössten Momente der Band of Horses u.ä. wachwerden; „More Than“, die folkige Ballade „Shadowless“ und das rohe „Metropolis“ sind wiederum dramaturgisch souverän komponierte Americana-Songs mit lyrischem und melodischem Feingefühl.

„Spirit“ – der Track, dessen Text der Albumtitel „The Great Detachment“ entnommen ist – ist ein rock’n’rolliger Ritt mit prominentem Bass und Harmoniegesängen, die einigen Voreiligen vielleicht „Mumford!“-Schreie entlocken werden – zu Unrecht, erinnert der Song doch eher an Bronze Radio Return und Konsorten. „Freak Out“ setzt den Reigen der Uptempo-Songs fort und steht der Single „Santa Fe“ in Sachen glanzvoller Schrammeligkeit kein bisschen nach.

„Love Lies“ macht einige – „elektronische“ wäre zu viel gesagt – einige Keyboardspielereien, fügt sich insgesamt aber glänzend in die melodieseligen Americana-Songs, während auf dem hardrockigen „Territory“ eine kanadische Legende – namentlich Geddy Lee von Rush – einen Gastauftritt hinlegt. Die kurze, nur textlich orientierungslose Folkpopperle „Who Are You?“ führt das Set seinem Ende zu, auch dies dramaturgisch genau durchdacht.

„The Great Detachment“ von Wintersleep ist ein vielseitiges, sorgfältig arrangiertes, hochprofessionell produziertes Album, zu Zeiten schier überbordend vor melodischen Ideen und handwerklich ausgefeiltem Songwriting. „Kommerziell“? „Innovativ“? Aber sicher.

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Eine Antwort zu “Rezension: Wintersleep – The Great Detachment (Dine Alone Music, 2016)

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