Rezension: Jamie T – Trick (Virgin, 2016)

trick_cover
Da geht einer halbnackt durch eine von Sterbenden und Seuchenden gesäumte Strasse; verschleiert nur von einem schmalen Tuch, das er um die Hüfte geschlungen hat; auf seinem Kopf trägt er eine Schale voller glühender Kohlen. Sein Name: Solomon Eagle.

Im Londoner Pestjahr 1665 ging der zum religiösen Fanatiker gewordene Komponist Solomon Eccles (1618-83), besser bekannt als Solomon Eagle, angeblich in dieser Aufmachung durch die Strassen Londons und hielt den Menschen vor, ihre Sünden hätten die Stadt zum Opfer der Seuche gemacht. Das Gemälde, das der britische Maler Paul Falconer Poole 1843 dem Prediger gewidmet hat, kürt Jamie T zum Cover seines neuen Studioalbums, „Trick“.

Gleichzeitig widmet er dieser obskuren Figur einen Song, „Solomon Eagle“: ein eindringliches Stück urbritischer Psychedelia mit mystischen Hooks und majestätischen Melodien, bei denen einige selbsternannte Rockgrössen (namentlich: Kasabian) vor heimlichem Neid rot anlaufen dürften. Ein Zitat aus Daniel Defoes „A Journal Of The Plague Year“ (1722), dem wichtigsten literarischen Denkmal für Solomon Eagle, wird elegant in den Song eingebaut. Perfektes Beispiel für die Qualitäten, die Jamie T vom Grossteil seiner Zeitgenossen im britischen (Indie-)Rockzirkus abheben: scheinbar mühelos verbindet er unwiderstehlichen Pop-Appeal mit intellektuellem Anspruch.

Und noch eine nicht zu unterschätzende Stärke hat der Mann: er zitiert, ohne diebisch zu wirken. Beispiele gefällig? „Tescoland“, ein rotziger Uptempo-Schrammler, der The Clash, Blur und The Libertines gleichermassen gut zu Gesicht stünde –Gitarrenakkorde wie Trommelfeuer, derbe Lyrics ohne Hemmungen in den Äther gerotzt. Oder „Robin Hood“, ein dreckiger Rock’n’Roll, Beat Marke Bo Diddley, Melodie Marke Ramones (man höre zum Vergleich: „Blitzkrieg Bop“) – eine energische Erinnerung daran, dass Rockmusik einst das Potenzial hatte, Revolutionen auszulösen.
Jamie T ist der Meister düsterer Paranoia – in stilistisch immer neuen Variationen. Sei es das von aggressiven Raps getragene „Drone Strike“, das verstörend-psychedelische „Police Tapes“, das sentimentale „Sign Of The Times“ oder das von populären R’n’B-Anleihen geprägte „Dragon Bones“ mit seinem prekären Mitsing-Refrain (Text: „If I had a gun I’d blow my brains out): auf seinem mittlerweile vierten Studioalbum zieht der junge Engländer (*1986) alle Register.

Er provoziert, er regt an, er verschiebt Grenzen. Lyrische Brillanz und unbändige Fantasie verbinden sich immer wieder mit dieser seltsamen Sache, die wir zuvor Pop-Appeal genannt haben; mit der Gabe, das Publikum mit einer simplen melodischen Wendung bereits beim ersten Hören gefangen zu nehmen. Ein letztes Beispiel: „Joan of Arc“. Was für ein Song, meine Damen und Herren. Textlich und musikalische eine Perle: die Intonation ist derjenigen Alex Turners ähnlich, die Gitarre heult tränenselig gen Himmel, Melodie und Arrangement sind Pop in Perfektion.

Muss ich den Wortwitz bringen? Na gut. Jamie T ist ein Magier der Genreüberbrückung, er kennt jeden Trick seines Handwerks und wendet seine Fähigkeiten über 12 Tracks kenntnisreich an. Das Ergebnis: ein Meisterwerk. Amen.

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Eine Antwort zu “Rezension: Jamie T – Trick (Virgin, 2016)

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