Rezension: Nadine Shah – Holiday Destination (1965 Records, 2017)

Aufruhr, direkte Ansprachen und offene Kritik am System. Diese Merkmale etikettieren das dritte Album „Holiday Destination“ von Nadine Shah. Das am 25. August erschienene Werk ist keine Antwort auf das Weltgeschehen. Vielmehr ist „Holiday Destination“ Entrüstung und Fassungslosigkeit. Und allem zugrunde verborgen sind tausende fundamentale Fragen. Diejenigen Sandkörner am Strand, die man zunächst ausbuddeln muss, um sie sichtbar zu machen.

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Yay, Ferien! (?)

Der Titelsong „Holiday Destination“ handelt tatsächlich von einer Feriendestination, und zwar der griechischen Insel Kos. Die von BBC 6 gehypte Vorabsingle klingt aber nicht nach Harfen-und-Lyra-Sonnenuntergangs-Musik, zu der ein älterer pummeliger Mann lustig tanzt.

Der Songtext widmet sich den Flüchtlingen, die an der Küste der griechischen Insel ankamen (/-kommen). Und den Touristen, die sich durch dieses Vorkommnis in ihren Ferien gestört fühlten.

„I saw this really shocking news piece. It was about migrants and refugees turning up on the shores of Kos in Greece by the thousands. There were some holidaymakers being interviewed and they were talking about how ‘they’re really ruining our holiday’. The fact that they had no shame in saying that whilst being interviewed, on national television… it really shocked me. This is what I am seeing across the globe: people unashamedly saying these awful things. It’s like, wow – people really don’t care and they’ll happily talk about how they don’t care. That’s why it’s called Holiday Destination.” – Nadine Shah, Pressetext

Entsetzt über die Paralleluniversen, in welchen sich Menschen auf dieser Welt aufhalten, ist der Begriff der Feriendestination programmatisch auf alle anderen Songtitel anwendbar.

Nadine Shah ist Immigrantin zweiter Generation. Sie besitzt sowohl norwegische als auch pakistanische Wurzeln und lebt aber seit ihrer Geburt in England. Und nein, sie ist nicht in den Ferien. Vom wachsenden Nationalismus und dem Rechts-„Trend“ getrieben, der sich 2016 in der westlichen Welt in vielen Ländern abzeichnete, schrieb sie Zeilen wie…

„Where would you have them go?
A generation searching for a home
Count up the things you own
And aspire to that path you have been shown“„Out The Way“

oder…

„I am watching too much TV all these real life murder mysteries“„2016“

Auf Twitter adressiert Shah, was sie mit ihrem neuen Album vermitteln möchte und thematisiert dabei indirekt auch, dass es problematisch sein kann, sich als Künstlerin / Musikerin mit weltpolitisch aktuellen, relevanten Themen zu beschäftigen. Effekthascherei (resp. eine opportune, sachdienliche Chance in etwas zu sehen, das die Albumverkaufszahlen ankurbeln könnte) ist dabei nur einer der Vorwürfe, denen gegenüber Künstler sich rechtzufertigen zu haben scheinen:

Ein Aufschrei, der auf Echo wartet

Von der Fassungslosigkeit der politischen Veränderungen („2016“, „Out The Way“) bis hin zu soziokulturellem Druck („Evil“) auf Menschen mit psychischen Erkrankungen – Nadine Shah klappert auf „Holiday Destination“ Themen ab, die man eben eher nicht bei griechischer Musik und griechischem Wein im All-Inclusive-Urlaub bespricht.

Weshalb nicht? – – –

Musikalisch gesehen ist das Album übrigens nicht so schwer in-den-Abgrund-ziehend wie die inhaltliche Themenfülle. Es ist das erste Album, das Shah einmal nicht live, sondern im Studio aufgenommen hat. Die gitarrenschweren Stücke sind verzerrt und voller Halbtonharmonien. Die Melodien sind interessant (was auch immer das bedeutet, „interessant“.  (Interessant ist auch eine Pizza ohne Käse). Aber das Adjektiv passt irgendwie wirklich!) – Also: Die Melodien sind interessant und passen zur aufmüpfigen und – dennoch – tonalen Instrumentierung.

Wie enden Ferien? Mit welchen Erinnerungen? (Oder hier: Mit welcher Zukunft?)

Das Album endet abstrakt mit dem Song „Jolly Sailor“ und folgendem Text:

„Karaoke songs
To sing along
Fathers and sons
Whilst the room is yours
The wood-chip walls
Provide applause

Toast
To battles lost
The string, the cost
The state of us
Speak of holidays
Of work that pays
Of better days“„Jolly Sailor“

In einer Karaoke-Bar wird alles deutlich. Man betrinkt sich, doch die Wände blättern ab. Man stosst an auf verlorene Schlachten („Battles Lost„) und freut sich dennoch… auf die nächsten Ferien. Für die man so hart gearbeitet hat.

Dieses Ending ist nicht mit den Keywords Happy oder Hollywood bestückt. Und es ist auch nicht versöhnlich wie eine Tasse Tee mit Milch und Zucker. Es ist ein Aufschrei, der verstummt (jedes Album endet einmal #lebensweisheit), aber nicht verstummen soll.

Lieblings-Songs: „Yes Men“, „2016“, „Holiday Destination“, „Relief“

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