Konzertbericht: Public Service Broadcasting (21.11.2018, Bogen F, Zürich)

Die britische Band Public Service Broadcasting nahm uns am Mittwoch im Bogen F auf eine Reise durch Raum und Zeit. Unser Bericht über einen Abend für Geschichtsnerds und solche, die es werden wollen.

Es ist dunkel und angenehm warm im Bogen F als die britische Band Public Service Broadcasting die Bühne betritt. Kaum sind die Instrumente angestimmt, erscheint ein älterer Mann auf dem Bildschirm, dem Kernstück der heutigen Bühnenshow: “When I was a boy growing up in Belfast my father was working in the shipyard.” Begleitet von Schlagzeug, Gitarre und Synthesizer führt der Erzähler des Songs die Zuschauer durch seine Jugend in der nordirischen Hafenstadt. Insbesondere ein bestimmtes Schiff scheint ihn in seinen Bann gezogen zu haben: “In Belfast we called it the unsinkable ship.”

Maritim geht es dann auch mit dem zweiten Song des Abends „White Star Liner“ weiter. Der Songtitel bezieht sich auf eine britische Reederei, die vor allem für eines bekannt wurden: die Titanic, oder eben: the unsinkable ship. Und das Schiffsthema kommt nicht von ungefähr: Die beiden Titel sind Auskopplungen von der neuen, ebenfalls „White Star Liner“ betitelten EP, welche die Geschichte der Titanic von der Konstruktion bis zum Untergang erzählt. Für die vier Songs erhielt die Band Zugang zum Firmenarchiv der Reederei, Grundlage der Songs waren Film- und Tonaufnahmen historischer Zeitzeugen.

Und mit Archivmaterial haben Public Service Broadcasting bereits einige Erfahrungen gesammelt, auf die selbst gestandene Historiker neidisch wären: Die Produktion der vorherigen Alben entstand in enger Zusammenarbeit mit dem British Film Archive und dem National Archive (UK). Das erlaubte der Band nicht nur einen einzigartigen Zugriff auf spektakuläre Momente der europäischen Geschichte, sondern auch ein Alleinstellungsmerkmal in der Instrumentalmusik. Denn auf die Idee, historische Quellen in sphärische Postrock-Songs zu sampeln, muss man erst mal kommen.

Auch an diesem Abend im Bogen F gewährt uns die Band vielfältige Einblicke in die Ergebnisse ihrer Archivrecherche. Mit „Sputnik“,„Korolev“oder „Gagarin“ – letzterer Titel erst als Zugabe gespielt – katapultieren die drei hornbrillentragenden Musiker ihr Publikum in die Weiten des Weltalls. Begleitet von Originalaufnahmen von Raketenstarts, Astronauten oder unserem Sonnensystem selbst sorgen sie dabei für ein spektakuläres Konzerterlebnis, das Geschehenes wiedererlebbar macht.

Auch die Tatsache, dass Geschichte eine tagespolitische Dimension inhärent ist, kommt nicht zu kurz: „They Gave Me A Lamp“– eine Hommage an die erste Feminismuswelle in Grossbritannien – verdeutlicht etwa die weiterhin bestehende Aktualität der Geschlechterfrage. Und man braucht nicht viel Fantasie, um in „People Will Always Need Coal“ einen Kommentar zum amerikanischen Präsidenten zu erkennen.

If you could get the women into one, you could get them involved in one thing,
you could see them in this other light.
…and then they started questioning other aspects of their own, not just relating to themselves, or, at yourself, ‚politics was just something that wouldn’t affect me‘, but politics is life, and everything to do with it affects you, directly or indirectly.
-They Gave Me A Lamp

Mit Klassikern wie „Theme From PSB“ oder „Go!“ beweist die Band überdies, dass sphärischer Postrock eben auch tanz- und singbar sein kann. Dieser Beweis wird vom Publikum mit Begeisterung angenommen. Einen ruhigen, aber durchaus eindrücklichen Abschluss bietet „Everest“ – benannt nach dem berühmt-berüchtigten Berg – der mit melancholischen Flügelhorn-Passagen und eindrücklichen Naturaufnahmen wortwörtlich die Wanderlust in uns weckt.

Noch leicht überladen von den visuellen und auditiven Eindrücken, die Public Service Broadcasting an diesem Abend zum Besten gaben, verlasse ich den Bogen F und bin mir sicher: Wer bis jetzt kein Geschichtsnerd war, ist es spätestens jetzt geworden.

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