Konzertbericht: Passenger im Zürcher Komplex 457

Im restlos ausverkauften Komplex-Saal versuchte gestern Abend ein bärtiger Brite mit seiner akustischen Gitarre dem Publikum Manieren beizubringen und den Geist einer guten alten Zeit  zu versprühen. Mit Erfolg: Der ehemalige Strassenmusiker Passenger wusste die redselige Zürcher Konzertmeute ausgezeichnet zu zähmen.

passenger

Es war heiss, die Leute warteten bereits seit über einer Stunde, dann endlich Bewegung: Ein blondbärtiges langhaariges Wesen mit Mütze und Gitarre betritt die Bühne. Das ist Stu Larsen, Tourmanager, bester Freund und Support Act von Passenger. Mit brüchiger Stimme und kaum hörbarem Gitarrenspiel gibt er seine Weisen zum Besten, erlangt erst mit einem Coldplay-Cover die Aufmerksamkeit des extrem laut redenden Publikums. Bald ist er wieder weg. Es bleibt der schlechte Nachgeschmack einer ohrenbetäubenden Mundharmonika aus seinem letzten Song…

Dann bald der Star des Abends: Passenger. Auch hierbei handelt es sich um ein bärtiges Wesen mit Gitarre. Mütze und lange Haare fehlen ihm, dafür bringt er einen untrüglichen Instikt für die Zähmung des Publikums mit. Er sei alleine mit seiner Gitarre, verkündet er sogleich, deshalb brauche er zu gewissen Zeiten die volle fünfhundertkehlige Unterstützung des Publikums, zu gewissen Zeiten aber auch absolute Ruhe. Er werde nun seine Gitarre und seine Stimme für einen Song ausstecken, sagt er – und tut es. Ein Raunen geht durch die Reihen, letzte Gesprächsfetzen, an der Bar wird Eis zerstampft, doch dann ist es ruhig. Der gar nicht so Widerspenstigen Zähmung ist gelungen. Später schafft er es gar, das Publikum für einen Song von allen Smartphones und Kameras zu befreien. Das verdient Respekt. 

In der Folge spielt sich der Brite und Wahl-Australier souverän und mit Freude durch sein Set, erzählt manchmal eine Geschichte, die einen Song erklärt, macht Witzchen, kommentiert das Banner eines Fans und ruft ganz sanft, ohne den Song zu unterbrechen, nach Security-Personal, als sich jemand im Zuschauerbereich nicht mehr auf den Beinen halten kann (Zumindest vermutete ich vom anderen Ende des Saales her, dass dies passiert war).

Dann kommt „Let Her Go“, der Song mit dem Mike Rosenberg alias Passenger, nach Jahren des Troubadouren-Lebens, nach vier Studioalben und unzähligen Touren, der ganz grosse Durchbruch gelungen ist. Er habe schon Jahre gebraucht, um einen Song zu schreiben, sagt er, „Let Her Go“ aber sei innerhalb von fünfundvierzig Minuten entstanden. Unterstellt er den mitjohlenden Massen mangelndes Verständnis für komplexere Songs? Ich glaube nicht. Und wenn, dann bringt er dies immerhin sehr charmant zum Ausdruck.

Der romantische Songwriter/Gentleman: Dieses Bild haben sicherlich viele von Passenger. „Let Her Go“, die Zugabe „Holes“ oder das schöne „Heart’s On Fire“ für das auch Stu Larsen noch einmal auf die Bühne kommt, zeigen warum. Allerdings gibt es in seinem Werk auch derbe Songzeilen wie „Just grow old with grace / Have you seen Cher’s face? / It looks like it’s been hit by a truck.“  oder – das Publikum lacht leicht beschämt, als er es singt„I hate ignorant folks who pay money to see gigs and talk through every fucking song.“ 

Kurzum: Passengers Werk ist abwechslungsreich genug und sein Potenzial als Entertainer so gross, um auch ein Publikum von mehr als 500 Leuten bei Laune halten zu können. Dies hat er im Komplex 457 gestern mit Nachdruck unter Beweis gestellt.

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Bildquelle: http://en.wikipedia.org/wiki/File:Mike_Rosenberg_performing_at_Southampton_Brook_music_venue_in_January_2013_4.JPG

 

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